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		<title>Ein Teller Spaghetti</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:30:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war ein Sommer an der oberen Adria, heiß bis in die Nacht hinein, mit Pinien, die kaum Schatten hergaben. Ich arbeitete auf einem Campingplatz als Gästebetreuerin, allein zuständig für zwölf Häuser und sechs Zelte. Tagsüber organisierte ich, erklärte, gab Schlüssel aus. <span id="more-6785"></span></p>
<p>Eines Mittags stand ein Italiener vor meinem Fenster, den Autoschlüssel in der Hand, hinter ihm ein vollgepackter Wagen. Er fragte, ob noch ein Haus frei sei. Er sprach kein Englisch. Ich sprach kein Italienisch. Wir standen uns gegenüber, lächelten uns an und begannen, mit Händen, Füßen und einzelnen Worten zu verhandeln. Irgendwie verstanden wir uns. Am Ende hielt er den Bungalowschlüssel in der Hand, nickte zufrieden und rief seine Familie herbei, laut, über den halben Platz.</p>
<p>Jeden Abend drehte ich meine Runde, zwischen Wäscheleinen und Grillrauch hindurch, und fragte bei den Gästen, ob alles in Ordnung sei.</p>
<p>Ein paar Tage später stand ich vor ihrem Haus und sah sie auf der Terrasse. Sie saßen im letzten Licht, der Tisch gedeckt, ein großer Topf Spaghetti in der Mitte. Es roch nach Knoblauch und Olivenöl, nach Sommer.</p>
<p>Ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung sei. Noch bevor ich den Satz zu Ende brachte, winkten sie mich heran.</p>
<p>Sofort rückten sie einen Stuhl zurecht, und ehe ich begriff, saß ich am Tisch. Vor mir ein Teller Spaghetti. Ein Glas Wein.</p>
<p>Die Mutter häufte nach, ohne zu fragen. Die Kinder grinsten und hielten ihr Handy hoch, tippten in ein Übersetzungsprogramm. Sätze wanderten vom Italienischen ins Deutsche, ins Englische, wieder zurück. Manchmal ergaben sie Sinn. Manchmal nicht. Wir lachten trotzdem.</p>
<p>Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen.</p>
<p>Wir verstanden nicht viel voneinander.<br />
Aber genug.</p>
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		<title>Unter Buchen</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:28:11 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>An diesem Wochenende unternahmen wir seit langer Zeit wieder eine größere Wanderung. Zwölf Kilometer führte der Weg durch einen Mischwald, in dem vor allem die Buchen das Bild bestimmten. Ihre hohen, glatten Stämme standen dicht beieinander.<span id="more-6782"></span> Über uns schlossen sich die Kronen zu einem grünen Dach, durch das nur stellenweise das Licht fiel.</p>
<p>Der Weg stieg immer wieder steil an. Ohne unsere Wanderstöcke wären manche Abschnitte deutlich mühsamer gewesen. Dennoch wurden nach und nach die Beine schwer, der Atem ging schneller. Doch je weiter wir gingen, desto mehr trat der Alltag zurück.</p>
<p>Die ganze Woche sitze ich vor dem Computer. Von morgens bis abends richtet sich der Blick auf Bildschirme, Nachrichten, Zahlen und Texte. Der Kopf arbeitet, während der Körper beinahe stillsteht. Vielleicht brauche ich gerade deshalb den Kontrast. Ich muss hinaus, muss wieder Erde unter den Füßen spüren, den Duft der Pflanzen einatmen, den Wind hören und meinen eigenen Atem wahrnehmen.</p>
<p>Der Wald gehört seit langer Zeit zu den großen Sehnsuchtsorten der Deutschen. Schon die germanischen Völker sahen in Bäumen und heiligen Hainen mehr als bloße Rohstoffe. Solche Haine waren besondere Orte, an denen die sichtbare Welt an eine unsichtbare grenzte. Später machten Dichter und Maler der Romantik den Wald zu einem Sinnbild für Heimat, Freiheit und Innerlichkeit.</p>
<p>Die Buche gehört dabei zu den prägenden Bäumen Mitteleuropas. Unter ihren weit ausgreifenden Kronen entsteht ein eigener Raum. Geräusche verlieren ihre Schärfe. Das Licht wird weicher. Selbst an einem warmen Tag liegt zwischen den Stämmen eine angenehme Kühle. Man geht nicht nur durch den Wald. Für einige Stunden nimmt er einen auf.</p>
<p>In meinem Buch <em>Unterm Himmelszelt – Natur &#38; Genuss</em> beschäftigte ich mich ausführlich mit der Wirkung der Natur auf Körper und Geist. Zahlreiche Untersuchungen bestätigen, was Menschen seit Langem empfinden. Aufenthalte im Grünen können Stress vermindern, die Stimmung aufhellen und dem Körper helfen, zur Ruhe zu kommen. Doch während einer Wanderung denkt man nicht an Studien. Man spürt lediglich, dass sich etwas verändert.</p>
<p>Vielleicht liegt es an der Bewegung, am gleichmäßigen Setzen der Schritte oder an der Abwesenheit all jener Reize, die uns im Alltag unablässig erreichen. Vielleicht ist es das Rauschen der Blätter, das Knacken unter den Schuhen oder der Blick zwischen den Stämmen hindurch. Wahrscheinlich wirkt alles zusammen.</p>
<p>Als wir den Wald schließlich verließen, waren wir erschöpft. Die Füße schmerzten, die Beine waren müde und die zwölf Kilometer deutlich zu spüren. Doch es war eine andere Müdigkeit als nach einem langen Tag am Computer. Keine Leere, sondern eine angenehme Schwere. Wir kamen ziemlich fertig nach Hause, aber glücklich.</p>
<p>Der Wald hatte uns Kraft gekostet und zugleich neue Kraft gegeben. Manchmal muss der Körper müde werden, damit sich der Geist erholen kann.</p>
<p>&#160;</p>
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		<title>Das Fahrrad</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:26:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">An der oberen Adria hatte selbst der Alltag eine gewisse Leichtigkeit. Morgens roch es nach warmem Sand, Sonnencreme und frischem Kaffee aus den Bars am Platz. <span id="more-6778"></span>Zwischen Pinien und Oleander klapperten Espressotassen, Kinder zogen mit aufgeblasenen Schwimmtieren Richtung Strand, irgendwo wurde schon eine Kühlbox in den Kofferraum gehoben. Auf den Wegen rollten Fahrräder mit Badetaschen am Lenker vorbei, leicht, bunt, sommerlich.</p>
<p class="p1">Nur meines nicht.</p>
<p class="p1">Ich war jung, brauchte das Geld und ließ mich deshalb auf einen Sommerjob ein, der vier Monate dauern sollte. Vier Monate Campingplatz, vier Monate Hitze, Meerluft, wechselnde Gäste und Wege, die täglich zurückgelegt werden mussten.</p>
<p class="p1">Die Firma hatte mir ein Fahrrad zur Verfügung gestellt, damit ich auf dem Campingplatz meine Runden drehen konnte. Es war zu klein für mich, hatte drei Gänge, die nur nach eigenem Ermessen funktionierten, und bei jedem Tritt in die Pedale quietschte es so laut, dass man mich schon hörte, bevor man mich sah.</p>
<p class="p1">Ich nutzte es trotzdem für alles. Für meine abendlichen Kontrollfahrten über den Platz, für kleine Besorgungen in den umliegenden Dörfern, für den Weg zum Strand. Es war alt, widerspenstig und nicht besonders komfortabel. Aber es brachte mich zuverlässig von A nach B.</p>
<p class="p1">Eines Tages trat ich kräftig in die Pedale – und trat ins Leere. Der Pedalarm flog einfach weg. Einen Moment hatte ich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Das Fahrrad schwankte, ich fing es ab, kam gerade noch zum Stehen.</p>
<p class="p1">Ich schaute zurück. Ein Stück weiter hinten lag der Pedalarm auf der Straße.</p>
<p class="p1">Ich ging zurück, hob ihn auf, setzte ihn wieder an und drückte ihn fest. Und tatsächlich – es hielt. Also fuhr ich weiter.</p>
<p class="p1">Von da an fuhr ich vorsichtiger. Mit allem rechnend.</p>
<p class="p1">Meine Fahrten mit diesem Fahrrad waren ohnehin ein kleines Abenteuer. Es quietschte wirklich laut. Auf dem Campingplatz war ich bekannt – nicht weil man mich sah, sondern weil man mich hörte.</p>
<p class="p1">Später erzählte ich einem Kollegen von dem Vorfall.</p>
<p class="p1">Er lachte und sagte ganz selbstverständlich:</p>
<p class="p1">„Wirf es doch irgendwo in den Graben und sag, es wurde geklaut. Dann bekommst du ein neues.“</p>
<p class="p1">Ich weiß noch, dass ich kurz darüber nachdachte. Ein neues Fahrrad wäre bequemer gewesen. Größer. Leiser. Mit funktionierenden Gängen.</p>
<p class="p1">Aber ich brachte es nicht fertig.</p>
<p class="p1">Nicht die Lüge.</p>
<p class="p1">Und nicht, dieses mir inzwischen ans Herz gewachsene Quietschfahrrad einfach im Graben liegen zu lassen.</p>
<p class="p1">Also fuhr ich weiter damit. Mit repariertem Pedalarm. Mit quietschenden Tritten. Mit nur manchmal funktionierenden Gängen.</p>
<p class="p1">Es war nicht perfekt.</p>
<p class="p1">Aber es war meines geworden.</p>
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		<title>Im Opernhaus der Wilhelmine – Bayreuth</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:22:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Markgräfliches Opernhaus wollten wir schon lange einmal besichtigen.<span id="more-6774"></span></p>
<p>Vor einigen Jahren hatten wir sogar Karten für ein Konzert dort. Es war eine Jubiläumsveranstaltung mit Werken von Beethoven, auf die wir uns sehr gefreut hatten. Doch dann kam Corona, die Aufführung wurde abgesagt und der Besuch rückte erst einmal in die Ferne.</p>
<p>Nun haben wir das lange Wochenende rund um den Feiertag genutzt und uns einen schönen Tag in Bayreuth gemacht. Und diesmal hat es endlich geklappt.</p>
<p>Von außen wirkt das Opernhaus beinahe überraschend zurückhaltend. Gerade wenn man öfter daran vorbeiläuft, ahnt man kaum, was sich hinter diesen Mauern verbirgt. Doch dieser Eindruck verschwindet in dem Moment, in dem sich während der Führung die Türen zum Zuschauerraum öffnen.</p>
<p>Goldene Verzierungen. Die Ränge. Die Bühne. Das Licht. Alles zieht den Blick sofort in den Raum hinein.</p>
<p>Und plötzlich steht man nicht mehr einfach in einem Opernhaus.</p>
<p>Man fühlt sich in eine andere Zeit versetzt.</p>
<p>Als die Museumsführerin über die Entstehung des Hauses und die damaligen Verhältnisse sprach, entstand vor meinem inneren Auge immer mehr dieses frühere Bayreuth. Menschen in festlicher Kleidung. Musik. Gespräche. Kutschen vor dem Opernhaus. Für einen Moment wirkte das alles erstaunlich nah.</p>
<p>Je länger ich in diesem Zuschauerraum stand, desto mehr rückten die reinen Fakten fast in den Hintergrund. Immer wieder wanderte der Blick zu den Verzierungen, den Figuren, den bemalten Logen und den unzähligen Details. Man entdeckt ständig etwas Neues und kann sich kaum sattsehen.</p>
<p>Und genau das hat mich beeindruckt.</p>
<p>Diese Schönheit. Diese Liebe zum Detail. Und vielleicht auch die Vorstellung, dass man sich früher noch viel mehr Zeit nahm, solche Räume überhaupt zu erschaffen.</p>
<p>Heute läuft vieles schneller. Lauter. Oft auch oberflächlicher.</p>
<p>Umso schöner finde ich solche Momente, in denen man für kurze Zeit aus dem Alltag heraustritt. Momente, in denen man nicht auf Nachrichten, Termine oder Bildschirme schaut, sondern einfach nur einen Raum auf sich wirken lässt.</p>
<p>Mich inspirieren solche Orte.</p>
<p>Sie geben mir Ruhe, lassen Gedanken langsamer werden und geben mir auf ihre Weise auch Kraft zurück.</p>
<p>Das Opernhaus war an diesem Tag insgesamt sehr gut besucht. Und als sich die Türen zum Zuschauerraum öffneten, hörte man aus vielen Mündern ein erstauntes „Wow“ und begeisterte Ausrufe.</p>
<p>Das fand ich schön.</p>
<p>Denn trotz aller Hektik scheint die Sehnsucht nach Schönheit, Kunst und Geschichte noch immer da zu sein.</p>
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		<item>
		<title>Wechselnde Orte, dieselbe Sehnsucht</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6771</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:20:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="font-claude-response-body">Ich schaue mir Shen Yun seit Jahren an. Jedes Jahr an einem anderen Ort. Dieses Mal war es Füssen. Das Ensemble machte hier Station, und wir haben den Besuch mit ein paar Tagen Urlaub verbunden.</p>
<p class="font-claude-response-body"><span id="more-6771"></span>Vor ein paar Jahren waren wir schon einmal in der Gegend, am Eibsee. Damals wollten wir auch nach Füssen weiter, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Es regnete in Strömen, und wir sind schließlich weitergefahren. Diesmal hat es gepasst.</p>
<p class="font-claude-response-body">Am Abend sitzen wir im Festspielhaus. Das Licht wird gedimmt. Gespräche verstummen. Und dann beginnt es.</p>
<p class="font-claude-response-body">Es ist dieses Eintauchen in eine Welt, die leicht wirkt, fast unbeschwert. Farben in ihrer ganzen Vielfalt, mal leuchtend, mal zart und zurückhaltend. Kostüme, die nicht nur schmücken, sondern Bedeutung tragen. Bewegungen, die mühelos erscheinen und gerade deshalb zeigen, wie viel Disziplin dahintersteht.</p>
<p class="font-claude-response-body">Und dann sind da diese Geschichten.</p>
<p class="font-claude-response-body">Erzählungen aus einer über Jahrtausende gewachsenen Kultur. Es geht um Güte. Um Hilfsbereitschaft. Um die Frage, was den Menschen im Innersten ausmacht. Um das Ringen zwischen Gut und Böse und darum, wie man sich darin entscheidet.</p>
<p class="font-claude-response-body">Manchmal taucht der Affenkönig auf, verspielt, kraftvoll und oft mit einem leichten Humor. Seine Geschichten stammen aus der „Reise in den Westen&#8220;, einem der bekanntesten Werke der chinesischen Literatur. Daneben stehen andere Erzählungen über Mönche, die sich in den Bergen kultivieren. Die gesamte Inszenierung ist aus einem Guss. Kostüme, Musik, die animierte Videoleinwand und die Tänzer greifen ineinander, jedes Element auf das andere bezogen. Die Wirkung dieses Zusammenspiels ist harmonisch und eindrücklich.</p>
<p class="font-claude-response-body">Die Musik verstärkt diesen Eindruck. Es ist ein Orchester, das westliche und traditionelle chinesische Instrumente verbindet, und gerade diese Verbindung macht den Klang so unverwechselbar. Ich freue mich jedes Jahr darauf, ganz besonders auf das Solo der Erhu-Spielerin. Zwei Saiten, und doch entsteht daraus ein Klang von solcher Fülle und Tiefe. Ich finde es noch immer faszinierend, wie das möglich ist.</p>
<p class="font-claude-response-body">Ich merke, wie ich nicht nur zuschaue, sondern hineingezogen werde. Ich nehme etwas mit. Kein großer Vorsatz. Eher etwas, das nachklingt. Die Eindrücke setzen sich fort, auch über den Abend hinaus. Es ist die gesamte Inszenierung, die noch nachhallt, die ordnet, die harmonisiert. Gerade weil im Alltag oft wenig Raum für Schönheit und Inspiration bleibt. Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: ein Gefühl von Ruhe und ein Stück Hoffnung.</p>
<p class="font-claude-response-body">Vielleicht ist es genau das, was mich jedes Jahr wiederkommen lässt. Nicht der Ort. Nicht die Inszenierung allein. Sondern das, was darüber hinausgeht.</p>
<p class="font-claude-response-body">Draußen wird vieles lauter. Unruhiger. Die Nachrichten überschlagen sich, Widersprüche nehmen zu. Und dann gibt es diesen Abend, der nichts davon ausblendet, aber etwas dagegenstellt. Eine Form von Ruhe.</p>
<p class="font-claude-response-body">Und zugleich die andere Seite. So viel Schönheit auf der Bühne, und doch darf genau das in China selbst nicht gezeigt werden. Die Traditionen, die hier lebendig werden, wurden über Jahrzehnte hinweg zurückgedrängt. Und auch heute noch werden Menschen verfolgt und inhaftiert, die an ihnen festhalten.</p>
<p class="font-claude-response-body">Das bleibt im Hintergrund. Aber es ist da.</p>
<p class="font-claude-response-body">Und vielleicht macht es genau deshalb einen Unterschied. Denn man spürt, dass das, was hier gezeigt wird, mehr ist als Darstellung. Es ist etwas, das weitergetragen wird. Auch unter dem Preis, dass die Künstler nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können, weil sie diese Kultur, die über fünftausend Jahre gewachsen ist, in der Welt lebendig halten.</p>
<p class="font-claude-response-body">Die Lichter gehen an. Und so gehe ich am Ende wieder hinaus, zurück in die Nacht und zurück in den Alltag. Die Eindrücke werden mich noch lange begleiten.</p>
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		<title>Zwischen Burg und Bewegung</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6767</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:18:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war mein Geburtstag, und eigentlich hätte ich diesen Tag gerne im Wald verbracht. Auf einem Weg, irgendwo zwischen Bäumen, mit dem Zwitschern der Vögel, dem Wind, der durch die noch kahlen Äste zieht, und dem leisen Knacken des Unterholzes unter den Füßen.<span id="more-6767"></span></p>
<p>Der Wald ist für mich ein Ort der Ruhe, ein Ort, an dem ich bei mir ankomme.</p>
<p>Doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Regen, Wind, kein Tag für eine längere Tour. Also suchten wir nach einer Alternative und entschieden uns für Nürnberg. Die Kaiserburg stand schon länger auf unserer Liste.</p>
<p>Wir gingen durch die Stadt, vorbei an Fachwerkhäusern, durch kleine Gassen mit charmanten Cafés und Läden. Dieser Teil von Nürnberg hat uns besonders gut gefallen. Wir fühlten uns wohl.</p>
<p>Je höher wir kamen, desto mehr öffnete sich der Blick. Und dann standen wir oben. Die Burg, diese Mauern, dieser Ort, der schon so lange da ist.</p>
<p>Ich blieb einen Moment stehen und sah mir die Burg genauer an.<br />
Sie ist das Wahrzeichen der Stadt. Früheste bauliche Spuren reichen bis in die Zeit um das Jahr 1000 zurück. Über Jahrhunderte wurde sie erweitert, verändert, immer wieder angepasst – und doch steht sie bis heute als etwas, das Bestand hat.</p>
<p>Stein auf Stein. Sichtbar gewachsene Geschichte.</p>
<p>Und dennoch war dieser Ort nie ein Ort des Ankommens, kein Zuhause.</p>
<p>Die Kaiser kamen, hielten Hof, sprachen Recht – und zogen weiter. Nürnberg war eine Station. Auch diese Burg war Teil eines Weges, kein Ziel.</p>
<p>Dieser Gedanke ließ mich nicht los.<br />
Außen Beständigkeit – innen Bewegung.</p>
<p>Ich fragte mich, wie viel Beständigkeit man eigentlich braucht.</p>
<p>Ich war selbst einmal unterwegs, über Monate hinweg. Mit dem Rucksack, von Ort zu Ort, fast jede Nacht woanders.</p>
<p>In dieser Zeit bin ich mir selbst nähergekommen. Wenn man allein unterwegs ist, lernt man sich auf eine andere Weise kennen. Ohne Ablenkung, ohne festen Rahmen. Ich habe gemerkt, dass ich auf diesem Weg bei mir selbst ankomme.</p>
<p>Und doch wollte ich irgendwann auch wieder äußerlich ankommen. Einen Ort haben, der mich aufnimmt, an dem ich bleiben kann.</p>
<p>Vielleicht geht es nicht darum, sich zwischen beidem zu entscheiden.<br />
Sondern darum, beides zu kennen.</p>
<p>Einen Ort, der trägt.<br />
Und Momente, in denen man bei sich selbst ankommt.</p>
<p>Genau das fehlt mir manchmal im Alltag. Die Tage sind voll, oft bis zum Rand. Von Aufgabe zu Aufgabe, von Pflicht zu Pflicht. Aber ankommen? Das passiert kaum.</p>
<p>Im Wald gelingt mir das.<br />
Da verändert sich alles. Licht, Wind, Geräusche, der Boden unter den Füßen. Kein Tag ist wie der andere. Und doch ist es genau hier, wo ich ankomme.</p>
<p>Kein fester Ort – und trotzdem Ruhe.</p>
<p>Manchmal denke ich, dass es so einfach sein könnte. Jeder hat seinen Wald. Vielleicht nehmen wir uns nur im Alltag zu selten die Zeit dafür.</p>
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		<item>
		<title>Vierzig Tage</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6764</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:17:43 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">In diesem Jahr habe ich zu Fasching viele Krapfen gegessen.<span id="more-6764"></span></p>
<p class="p1">Wirklich viele.</p>
<p class="p1">Mit Hagebuttenmarmelade, wie es sich gehört. Mit Heidelbeerfüllung. Mit Vanillecreme. Mit Nougat. Manche mit Puderzucker bestäubt, andere in Kristallzucker gewälzt, wieder andere mit Schokoglasur überzogen.</p>
<p class="p1">Kolleginnen brachten welche mit, die Chefs verteilten Tabletts. Man will ja nicht unhöflich sein.</p>
<p class="p1">Stefan kam ebenfalls mit einer Schachtel nach Hause. Es gab kein Entkommen.</p>
<p class="p1">Es gab Tage, da dachte ich kurz, ich sehe bald selbst aus wie ein Krapfen.</p>
<p class="p1">Der Entschluss zu fasten kam nicht dramatisch. Eher leise. Ich hatte es noch nie gemacht. Vielleicht wäre es gut, einmal bewusst darauf zu verzichten. Nicht aus Diätgründen. Nicht aus schlechtem Gewissen. Sondern um zu sehen, wie sehr Süßes bei mir Gewohnheit ist.</p>
<p class="p1">Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch und dauert vierzig Tage bis Ostern. Ursprünglich war sie eine Zeit der Besinnung und des Verzichts. Heute fasten viele aus ganz unterschiedlichen Gründen – manche aus Tradition, andere um Gewohnheiten zu unterbrechen. Bei mir ist es unspektakulär: Ein Stück Schokolade hilft mir oft beim konzentrierten Arbeiten. Nach scharfem Essen greife ich fast automatisch danach. Und Kaffee ohne Kuchen am Wochenende fühlt sich unvollständig an.</p>
<p class="p1">Als Stefan und ich beschlossen zu fasten, lagen noch eine halbe Tüte Chips und eine angefangene Schokolade im Schrank.</p>
<p class="p1">„In sechs Wochen schmecken die Chips doch wie Pappe“, sagte ich. Und offene Schokolade auch nicht besser.</p>
<p class="p1">Wir fasten.</p>
<p class="p1">Aber erst essen wir noch alles auf.</p>
<p class="p1">Also haben wir am letzten Wochenende die Reste vernichtet.</p>
<p class="p1">Direkt gegenüber von meiner Arbeit liegt ausgerechnet einer der besten Bäcker der Stadt. Wenn ich im Büro die Fenster öffne, zieht der Duft von frisch gebackenem Streuselkuchen und anderen Leckereien herein. Manchmal reicht ein einziger Luftzug – und ich merke, wie schnell ich mit mir selbst ins Gespräch komme.</p>
<p class="p1">Drei Geburtstage fielen in diese Fastenzeit. Auch mein eigener. Natürlich habe ich Kuchen gegessen. Man muss es ja nicht gleich zur Charakterprüfung erklären.</p>
<p class="p1">Was geblieben ist, ist weniger der Verzicht als die Aufmerksamkeit. Wie deutlich eine Gewohnheit wird, wenn man sie unterbricht.</p>
<p class="p1">Es war keine große Veränderung. Nur eine kleine Verschiebung.</p>
<p class="p1">Und vielleicht gehe ich ein bisschen leichter in den Frühling.</p>
<p class="p1">Sogar meine Hose scheint das bemerkt zu haben.</p>
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		<title>Ein Tag für die Schönheit</title>
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:16:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war ein besonderer Anlass. Stefan hatte Geburtstag, und wir überlegten, wie wir diesen Tag verbringen wollten. Kein großes Programm, kein Trubel. Er sagte, er möchte einfach einmal wieder schöne Bilder sehen.<span id="more-6760"></span></p>
<p>So entstand die Idee, nach München zu fahren. In die Pinakothek.</p>
<p>Wir nahmen uns beide frei, buchten einen Zug und suchten uns ein Restaurant für den Mittag und ein Café für später. Ein Tag, an dem wir Zeit hatten. Zeit, uns treiben zu lassen, neugierig zu sein und München einfach auf uns wirken zu lassen.</p>
<p>Auf dem Weg durch die Stadt gingen wir also nicht einfach nur von einem Ort zum nächsten. Wir blieben stehen, schauten in Schaufenster und nahmen die Straßen wahr, landeten in Buchläden, kamen ins Gespräch und blieben ein paar Minuten länger, als wir es sonst getan hätten.</p>
<p>So kamen wir schließlich zur Pinakothek.</p>
<p>Drinnen wurde es ruhiger.</p>
<p>Die Räume sind nach Epochen geordnet und führen durch die Entwicklung der europäischen Malerei vom Mittelalter bis zum Rokoko. Italienische, flämische und deutsche Werke folgen aufeinander. Mit jedem Raum verändern sich Motive, Farben und die Art zu erzählen.</p>
<p>Ich blieb stehen und war beeindruckt, mit welcher Kunstfertigkeit gearbeitet wurde. Jeder Pinselstrich ist gesetzt, jede Figur durchdacht. Es ist erstaunlich, was vor Jahrhunderten möglich war.</p>
<p>Von Peter Paul Rubens hingen mehrere riesige Gemälde. Sie füllten die Räume vollständig aus. Ich konnte gar nicht anders, als überwältigt zu sein.</p>
<p>Ebenso beeindruckend waren die Bilder von Caspar David Friedrich, nur auf eine ganz andere Weise. Die Formate waren kleiner, die Motive ruhiger, zurückgenommen.</p>
<p>Besonders ein Bild hat mich überrascht. Der Sommer.</p>
<p>Dieses Motiv habe ich als Mauspad auf der Arbeit, weil mir diese weite Landschaft gefällt. Es begleitet mich jeden Tag. Und nun hing es vor mir, im Original, größer, klarer, ganz anders präsent.</p>
<p>Dann ein Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren: <em>Das goldene Zeitalter</em>. Ich blieb davor stehen und fragte mich, was Cranach wohl damit meinte. Wann dieses Zeitalter war. Ob es je existiert hatte oder noch kommen sollte. Das Bild zeigt tanzende Menschen um einen Obstbaum, andere liegen im Gras oder baden im quellklaren Wasser. Mensch und Tier in vollkommener Eintracht, in einem geschützten Garten. Harmonie und friedvolles Dasein. Eine Welt ohne Streit, ohne Krankheit.</p>
<p>Die Pinakothek war gut besucht, und doch war es ruhig. Die Menschen standen vor den Bildern, lasen, gingen ein paar Schritte zurück, traten wieder näher heran. Jeder war für sich und gleichzeitig Teil dieses Raumes. Man merkte, wie jeder seinen eigenen Gedanken nachging.</p>
<p>Ich ging weiter, blieb stehen, ließ den Blick wandern. Ohne Ziel, ohne Eile.</p>
<p>Später saßen wir bei Kaffee und Kuchen zusammen. Wir sprachen wenig. Die Bilder wirkten noch nach.</p>
<p>Früher war es selbstverständlich, in Gemälden Geschichten zu erzählen. Handlungen, Beziehungen, Botschaften, alles war eingebettet in ein System von Symbolen. Ein Hund stand für Treue, ein Schmetterling für Verwandlung, Efeu für Freundschaft und ewiges Leben. Wer die Zeichen kannte, las das Bild wie einen Text. Es lohnt sich, sich damit zu beschäftigen. Die Bilder haben mehr zu sagen, als man auf den ersten Blick sieht.</p>
<p>Die Gemälde, die Art der Darstellungen, fesseln mich immer wieder aufs Neue, ziehen mich hinein in diese Zeit, in eine längst vergangene Welt. Der Alltag mit seinen Anforderungen und seinem Lärm tritt in den Hintergrund, und neue Impulse entstehen, fast wie von selbst.</p>
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		<title>Auf den Wegen des Franz von Assisi</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6757</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:15:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Es war ein Montagabend in Bamberg. Ich kam müde von der Arbeit und freute mich dennoch auf den Abend, weil ich mir bewusst etwas anderes vorgenommen hatte als den gewohnten Ablauf der Woche. <span id="more-6757"></span>Ein paar Stunden, in denen ich aus dem Arbeitsrhythmus heraustreten und mich von etwas anderem inspirieren lassen konnte.</p>
<p class="p1">Mit Franz von Assisi hatte ich mich bereits beschäftigt. Ich hatte Bücher gelesen und auch in meinem Buch „Unterm Himmelszelt – Natur &#38; Genuss“ eine Begebenheit aufgegriffen. Viel Neues erwartete ich nicht, aber ich war neugierig, wie dieser Abend gestaltet sein würde.</p>
<p class="p1">Die Bücherei war gut besucht, ohne überfüllt zu wirken. Kleine Tische standen im Raum, darauf lagen verschiedene Snacks. Die Menschen saßen beieinander, sprachen leise, rückten ihre Stühle zurecht. Die Mitarbeiter begegneten jedem freundlich, und so entstand eine Atmosphäre, die ruhig und fast familiär wirkte.</p>
<p class="p1">Der Autor erzählte von seinem Weg, den er selbst gegangen war. Von Rom nach Assisi, vierzehn Tage zu Fuß. Auf der Leinwand erschienen Bilder aus Umbrien. Sanfte Hügel, weite Landschaften und sattes Grün prägten die Szenerie. Die Wege zogen sich durch Felder und Anhöhen, und man konnte spüren, dass dieser Weg nicht nur Strecke war, sondern auch Zeit.</p>
<p class="p1">Zwischen den Erzählungen trat ein Musiker nach vorne. Mit der Gitarre begleitete er den Sonnengesang. Strophe für Strophe trug er den Text vor und gab jeder ihren eigenen Klang. Es war kein Gesang, sondern ein ruhiger Vortrag, der von der Musik getragen wurde und dem Abend einen gleichmäßigen Rhythmus gab.</p>
<p class="p1">Acht Jahrhunderte liegen zwischen uns und diesem Mann, und doch war seine Haltung in diesem Moment greifbar.</p>
<p class="p1">Franz konnte am Ende seines Lebens kaum noch sehen. Er litt und wusste, dass es mit ihm bald zu Ende gehen würde. Und gerade in dieser Zeit wandte er sich dem Lobpreis der Schöpfung zu. Er besang die Quelle allen Lichts, die Sonne. Er pries den Mond, das Wasser, das Feuer und die Luft, ebenso die Früchte, Blumen und Kräuter.</p>
<p class="p1">Er brachte seinen Minderbrüdern dieses Lied bei, weil er wollte, dass es weitergetragen wird. Sie sollten als Spielleute Gottes über das Land ziehen, den Menschen den Gesang von der Schwester Sonne vorsingen, ihre Herzen berühren und sie fröhlich machen.</p>
<p class="p1">Als ihm ein Arzt sagte, dass er nur noch wenige Wochen zu leben habe, klagte er nicht. Er fügte eine weitere Strophe hinzu und begann, Bruder Tod zu loben, dem kein Mensch entrinnen kann. Und wieder bat er seine Minderbrüder, das Lied zu singen, jetzt mit der neuen Strophe.</p>
<p class="p1">In diesem Gedanken liegt eine große Kraft. Nicht das eigene Leid steht im Mittelpunkt, sondern das, was man noch geben kann. Das war sein Blick auf die Welt.</p>
<p class="p1">Ich stelle mir vor, diesen Weg selbst zu gehen. Für eine Zeit in die Fußstapfen von Franz von Assisi zu treten und mich von seinem Sonnengesang tragen zu lassen, von dem Vertrauen in die Schöpfung.</p>
<p class="p1">Dabei erinnere ich mich an eine längst vergangene Zeit. An Monate mit dem Rucksack unterwegs, an Afrika, an Nächte im Zelt, an das Gefühl, dass zwischen mir und dem Sternenhimmel nur ein dünnes Stück Stoff lag.</p>
<p class="p1">Daran, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein.</p>
<p class="p1">Aber das ist eine andere Geschichte.</p>
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		<title>Bach in the Subway</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6754</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:14:18 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Rolltreppen summen. Schritte hallen. Eine Durchsage schneidet durch die Luft.<span id="more-6754"></span></p>
<p class="p1">„Zurückbleiben bitte.“</p>
<p class="p1">In London heißt es „Mind the gap“, immer und immer wieder, bis es sich ins Gedächtnis fräst. In New York: „Stand clear of the closing doors, please.“</p>
<p class="p1">Eine U-Bahn-Station ist kein Ort zum Verweilen.</p>
<p class="p1">Und dann steht dort jemand mit einem Instrument.</p>
<p class="p1">Kein Verstärker. Kein Poprefrain.</p>
<p class="p1">Sondern Bach.</p>
<p class="p1">Das Präludium aus der ersten Cellosuite – diese klaren, ruhigen Läufe, die sich wie eine Linie durch den Raum ziehen. Bachs Musik legt etwas frei. Eine Schicht, die sonst verborgen bleibt. Zwischen Fahrplänen, Werbeplakaten und eiligen Schritten entfaltet sich plötzlich etwas, das keinem Zweck dient.</p>
<p class="p1">Ein Mann mit Kaffeebecher wird langsamer.</p>
<p class="p1">Eine Frau bleibt stehen, nur für ein paar Takte.</p>
<p class="p1">Ein Kind dreht sich um.</p>
<p class="p1">Rund um den 21. März, Bachs Geburtstag, geschieht genau das weltweit. Zwischen dem 21. und 31. März stellen sich Musiker in U-Bahn-Stationen, auf Bahnsteigen und in Unterführungen und spielen seine Musik. Keine große Bühne, kein Eintritt. Nur die Idee, die Schönheit klassischer Musik dorthin zu tragen, wo man sie nicht erwartet.</p>
<p class="p1">Ich habe es selbst noch nicht erlebt. Nur Videos gesehen. Und doch beschäftigt es mich.</p>
<p class="p1">Vielleicht schreibe ich darüber, weil ich hoffe, irgendwann selbst einmal stehen zu bleiben.</p>
<p class="p1">Weil ich wissen möchte, wie es ist, wenn mitten im Transit etwas entsteht, das nicht eilig ist. Für einen Moment nur. Und dann geht es weiter, die Rolltreppe fährt, eilige Schritte und Gesprächsfetzen ziehen vorüber. Aber vielleicht trägt uns Bachs Berührung durch den Tag.</p>
<p class="p1">Mind the gap.</p>
<p class="p1"><a href="https://bachinthesubways.org/listen/%22%20%5Cl%20%22-1">https://bachinthesubways.org/listen/</a></p>
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		<title>Die kleinen Pakte</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6751</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:13:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">In der Hölle herrscht Flaute. Charon, der Fährmann, der die verdammten Seelen über den Styx rudern muss, beschwert sich beim Teufel: Ihm sei langweilig. Seit langem keine großen Seelen mehr, nur Kleinkram, kaum der Mühe wert, das Boot zu rudern.<span id="more-6751"></span></p>
<p class="p1">Der Teufel hört zu und nickt. Dann ruft er seine Furien herbei und schickt sie in die Oberwelt. Ihr Auftrag: den berühmten Doktor Faustus vom göttlichen Weg abbringen. Denn das wäre endlich mal wieder ein würdiger Fang für die Hölle.</p>
<p class="p1">So beginnt das Stück, das wir im Marionettentheater in Bamberg sehen. Die Bühne ist etwa zweihundert Jahre alt. Hier wird noch alles selbst gemacht – Bühnenbild und Marionetten, jede Figur mit Liebe zum Detail. Es ist eine der frühen Faust-Versionen, älter und dunkler als Goethes gelehrtes Drama. Hier gibt es keine Erlösung, keine Gnade. Hier holt der Teufel seinen Fang am Ende wirklich in die Hölle.</p>
<p class="p1">Die Furien machen sich an die Arbeit. Später kommen die Todsünden selbst auf die Bühne, eine nach der anderen, jede in ihrer grotesken Gestalt: Stolz, Geiz, Wollust, Völlerei, Trägheit, Zorn, Neid. Es ist kindlich inszeniert, manchmal geradezu lustig – und gerade deshalb so treffend. Die Versuchungen werden sichtbar gemacht als das, was sie sind: äußere Mächte, die bewusst auf uns einwirken, die uns vom Wesentlichen ablenken wollen.</p>
<p class="p1">Ich schaue zu und denke unwillkürlich an meine eigenen Schattenseiten. Den Ärger, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn jemand zu spät kommt, wenn Absprachen nicht eingehalten werden. Wie schnell dann die Geduld schwindet und ich innerlich auf Distanz gehe.</p>
<p class="p1">Faustus ist ein großer Gelehrter. Sein Ruf reicht weit, er wird bewundert, respektiert. Sein Wissen ist umfassend, seine Bibliothek gefüllt mit den kostbarsten Werken. Studenten strömen zu seinen Vorlesungen, Kollegen suchen seinen Rat. Und doch fühlt er sich innerlich leer.</p>
<p class="p1">Es ist nicht die Leere des Unwissenden, sondern die des Wissenden, der merkt: All das reicht nicht. Die Bewunderung füllt nichts aus. Der Ruhm macht ihn nicht satt. Da ist eine Sehnsucht nach mehr – nicht nach mehr Wissen, sondern nach etwas, das er nicht benennen kann. Nach Leben, vielleicht. Nach Erfüllung. Nach dem Gefühl, wirklich lebendig zu sein.</p>
<p class="p1">Der Teufel schickt Mephistopheles, seinen besten Diener, um Faustus einzufangen. Der kommt mit verlockenden Versprechungen: vierundzwanzig Jahre irdischer Freuden, Ruhm, Reichtum, Macht, Genuss – alles, was das Herz begehrt. Doch dann meldet sich auch Faustus‘ Schutzengel, warnt ihn eindringlich, versucht ihn abzubringen. Zwei Stimmen, zwei Wege.</p>
<p class="p1">Faustus schwankt. Doch die Verführung ist stärker. Die schönen Versprechungen übertönen die Warnung. Er unterschreibt den Pakt mit Blut.</p>
<p class="p1">Die Jahre vergehen. Faustus genießt, was ihm versprochen wurde. Aber die Leere bleibt. Schlimmer noch: Sie wächst. Und als die vierundzwanzig Jahre sich dem Ende nähern, begreift er mit Entsetzen, was er getan hat. Er versucht noch, Buße zu tun, fleht um Gnade, bereut verzweifelt. Aber der Pakt ist geschlossen. Es gibt kein Zurück mehr. In der letzten Nacht holt ihn der Teufel in die Hölle.</p>
<p class="p1">Ich sitze im Zuschauerraum und denke: Seine Tragödie war nicht der eine große Pakt. Seine Tragödie war, dass er zu spät merkte – die vielen kleinen Entscheidungen hatten ihn längst zum Gefangenen gemacht. Der Bluteid war nur die Besiegelung dessen, was innerlich schon vollzogen war.</p>
<p class="p1">Sind es nicht die kleinen Momente, die uns formen? Sich im Gespräch für das Gegenüber zu interessieren oder nur zu warten, bis man selbst reden kann. Jemandem beizustehen, der in Schwierigkeiten ist, oder sich abzuwenden. Ehrlich zu bleiben, wenn es unbequem wird, oder den bequemeren Weg zu wählen.</p>
<p class="p1">Das sind keine dramatischen Entscheidungen. Keine Furien, kein Schwefelgeruch. Nur alltägliche Momente. Und doch summieren sie sich. Sie formen, wer wir werden.</p>
<p class="p1">Auf der alten Bühne bewegen sich die Marionetten an ihren Fäden. Holzfiguren ohne Wahl. Wir aber haben den freien Willen.</p>
<p class="p1">Die Antwort gibt mir niemand. Auch kein Marionettentheater. Aber die Frage stellen – das kann ich. Jeden Tag neu.</p>
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		<title>Geteilte Hilflosigkeit</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6748</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:11:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Der Bus war an diesem Nachmittag nicht voll. Es war einer dieser grauen Tage, an denen das Licht schon früh matter wird, ohne dass es wirklich dunkel ist. Ich setzte mich auf einen Vierersitz, legte meine Tasche neben mich und blickte aus dem Fenster.<span id="more-6748"></span></p>
<p class="p1">Zwei Stationen später stieg ein älterer Mann ein und nahm mir gegenüber Platz. Er war groß, hatte graue Haare und wirkte gepflegt. Er trug eine rot-blaue Jacke, hüftlang, offen.</p>
<p class="p1">Er wollte sie schließen. Seine Hand griff nach dem Reißverschluss, führte ihn nach oben – und verfehlte ihn. Seine Finger zitterten leicht. Nicht heftig, nicht dramatisch, aber unruhig genug, dass der kleine Metallhaken immer wieder danebenrutschte. Auch sein Kopf bewegte sich, kaum merklich, ein leises, stetiges Zittern.</p>
<p class="p1">Er versuchte es noch einmal. Und noch einmal.</p>
<p class="p1">Ich sah hin und tat gleichzeitig so, als sähe ich nicht hin.</p>
<p class="p1">In mir begann ein leises Abwägen. Sollte ich etwas sagen? „Darf ich Ihnen helfen?“ Vielleicht hätte ich einfach die Hand ausstrecken können. Aber der Reißverschluss lag tief, ich hätte mich vorbeugen müssen, sehr nah. Eine fremde Person, ein fremder Körper. Hilfe kann schnell zu Nähe werden. Und Nähe zu etwas, das man nicht will.</p>
<p class="p1">Er atmete aus, sammelte sich, setzte neu an. Der Bus ruckelte weiter, draußen zogen graue Fassaden vorbei.</p>
<p class="p1">Ich spürte nicht nur seine Anstrengung. Ich spürte meine eigene Unsicherheit. Die Angst, etwas falsch zu machen. Ihn zu beschämen. Ihm seine Schwäche zu sehr vor Augen zu führen. Oder ihn allein zu lassen mit etwas, das ich vielleicht hätte erleichtern können.</p>
<p class="p1">Nach einer Weile ließ er vom Reißverschluss ab. Stattdessen tasteten seine Finger nach den Druckknöpfen der Jacke. Einen nach dem anderen schloss er sie, langsam, konzentriert. Es dauerte. Aber es ging.</p>
<p class="p1">Niemand sonst schien etwas bemerkt zu haben.</p>
<p class="p1">Als er ein paar Stationen später ausstieg, blieb sein Blick einen Moment an mir hängen. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht war es auch nur Zufall.</p>
<p class="p1">Der Bus fuhr weiter.</p>
<p class="p1">Ich weiß bis heute nicht, ob ich hätte helfen sollen.</p>
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		<title>Zwischenwelt</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6744</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 16:10:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Noch bevor ich die Augen aufschlage, höre ich es. Zwischen den Büschen und Hecken vor unserem Fenster singt jemand. Ein Vogel, dann noch einer, dann viele. Ich liege im Warmen, lausche und freue mich auf einen milden Tag.<span id="more-6744"></span></p>
<p class="p1">Dann ziehe ich das Rollo hoch.</p>
<p class="p1">Schnee. Über Nacht hat er sich leise auf alles gelegt, auf die Äste, auf den Gartentisch, auf die schlafenden Beete. Die Welt draußen ist weiß und still. Nur die Vögel sind es nicht.</p>
<p class="p1">Letztes Wochenende waren wir im Wald. Schnee lag noch, dick und fest unter den Sohlen. Aber zwischen den kahlen Ästen schien die Sonne durch. Ich blieb stehen, wie ich es immer tue, drehte mein Gesicht zur Sonne und schloss die Augen. Die Wärme traf meine Wangen, meine Stirn, während meine Füße im Schnee standen und die kalte Luft an meinen Händen zog.</p>
<p class="p1">Und dann hörte ich ein Klopfen, rhythmisch, nah. Da war er. Ein Buntspecht am Baumstamm. Sein roter Nacken leuchtete, sein Schnabel hämmerte gegen die Rinde. Er suchte, arbeitete, unbeeindruckt vom Schnee ringsum. Überall im Wald sangen Vögel, als wollten sie den Winter vertreiben und den Frühling herbeisingen.</p>
<p class="p1">Den Winter liebe ich: die klare kalte Luft, die stille Gemütlichkeit, eine Tasse Tee, ein gutes Buch, die Decke um die Schultern und den Schein einer Kerze.</p>
<p class="p1">Ich mag das Knirschen unter den Schuhen, die weiße Stille, diese gedämpfte friedliche Welt.</p>
<p class="p1">Und doch.</p>
<p class="p1">Ich merke, dass sich etwas in mir regt. Ein Verlangen nach dem ersten Sonnenlicht, das nicht nur leuchtet, sondern auch wärmt. Nach dem Duft von feuchter Erde, nach dem Grün, nach dem Summen der ersten Bienen, nach dem ersten Schmetterling. Die ersten Sonnenstrahlen sauge ich auf. Für die Natur ist es ein Neuanfang, für mich auch.</p>
<p class="p1">Aber noch ist es nicht so weit. Die Natur scheint noch unentschlossen.</p>
<p class="p1">Es ist keine Ungeduld, die ich spüre. Eher wie das Gefühl, wenn ich ein gutes Buch fast ausgelesen habe. Ich will wissen, wie es weitergeht, und bin gleichzeitig ein bisschen traurig, dass es bald endet.</p>
<p class="p1">Die Vögel zwitschern weiter. Der Schnee liegt noch immer. Ich stehe am Fenster und lächle. Vielleicht liegt die Wahrheit nicht im Anfang oder im Ende, sondern im Dazwischen.</p>
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		<title>Zwischen Schlagzeug und Zucchini</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6734</link>
		
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		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 15:52:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Es war später Nachmittag, und ich war auf dem Heimweg von der Arbeit. Meine Gedanken kreisten bereits um das, was noch zu tun war – eine Ladung Wäsche, das Abendessen, die üblichen To-dos, die sich am Ende eines Arbeitstags ansammeln.<span id="more-6734"></span></p>
<p class="p1">Ich stand an der Ampel und wartete, halb bei der Sache, halb schon in meinem Kopf beim Rest des Abends.</p>
<p class="p1">„Ich geh jetzt zum Schlagzeugunterricht.“</p>
<p class="p1">Die Stimme kam von der Seite. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass jemand mit mir sprach. Ich schaute nach unten. Große blaue Augen blickten mich erwartungsvoll an. Da stand ein kleines Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt. Bis zu diesem Moment hatte ich sie gar nicht wahrgenommen.</p>
<p class="p1">„Ach“, sagte ich, aus meinen Gedanken gerissen, aber neugierig. „Schlagzeug. Das ist ja interessant.“</p>
<p class="p1">Die Ampel schaltete auf Grün. Wir gingen los, und sie blieb neben mir. Jetzt nahm ich sie richtig wahr: die graue Mütze, unter der blonde, lange Haare hervorschauten, zu einem Zopf geflochten. Ein altrosa Kapuzensweatshirt, eine hellblaue Jeans. Und diese Augen – klar, wach, als wüsste sie genau, was sie wollte.</p>
<p class="p1">„Wie lange spielst du denn schon?“</p>
<p class="p1">„Zwei Jahre“, sagte sie. Ihr Tonfall war erstaunlich erwachsen, sehr bestimmt. Als hätte sie ihren Platz längst gefunden.</p>
<p class="p1">Wir liefen weiter, Seite an Seite. Das Gespräch entwickelte sich wie von selbst.</p>
<p class="p1">„Und möchtest du später auch Musikerin werden?“, fragte ich.</p>
<p class="p1">„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf, ohne zu zögern. „Ich will Gärtnerin werden.“</p>
<p class="p1">Ich blieb fast stehen. Gärtnerin? Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Schlagzeug spielen – schon ungewöhnlich. Aber dann Gärtnerin werden wollen? Sie sagte es mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass kein Zweifel blieb.</p>
<p class="p1">„Gärtnerin“, wiederholte ich. „Das ist … das ist toll. Was würdest du denn anbauen?“</p>
<p class="p1">Ihre Augen leuchteten. „Zucchini! Und Auberginen. Die mag ich am liebsten.“</p>
<p class="p1">Und dann begann sie zu erzählen. Wie man Zucchini pflanzt, wann der richtige Zeitpunkt ist, wie viel Sonne sie brauchen. Sie erklärte es mir, als hätte sie es schon unzählige Male getan, als wäre sie längst mittendrin in ihrem zukünftigen Leben. Dann kamen die Auberginen – wie man sie am besten zubereitet, in Scheiben schneiden, salzen, dann in der Pfanne braten.</p>
<p class="p1">„Das hab ich mit meiner Mama zusammen gemacht“, sagte sie. „Ich helfe oft beim Kochen.“</p>
<p class="p1">Ich hörte zu und staunte. Hier lief ein zehnjähriges Mädchen neben mir her und erzählte von Gemüseanbau und Rezepten, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Kein Wort über Handys, über Fernsehen, über Apps. Stattdessen: Schlagzeug, Zucchini. Auberginen. Küche. Erde. Eine Überraschung nach der anderen.</p>
<p class="p1">Wir gingen vielleicht zehn, vielleicht fünfzehn Minuten zusammen. Ich stellte Fragen, sie antwortete, erzählte weiter, als würden wir uns schon lange kennen. Als wäre es völlig normal, dass eine Fremde und ein Kind auf dem Heimweg über Gartenarbeit und Essen sprechen.</p>
<p class="p1">Plötzlich blieb sie stehen.</p>
<p class="p1">„Ich muss jetzt da lang“, sagte sie und deutete auf eine Seitenstraße. „Tschüss!“</p>
<p class="p1">„Tschüss“, sagte ich. Doch sie hatte sich schon umgedreht, bog ab und ging die Straße entlang. Der Zopf schwang fröhlich im Rhythmus ihrer Schritte.</p>
<p class="p1">Ich blieb stehen und schaute ihr nach, wie sie kleiner wurde in der Ferne. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, und zugleich war ich sprachlos.</p>
<p class="p1">Ein Mädchen auf dem Weg zum Schlagzeugunterricht, mit Plänen für Zucchini und Auberginen. Und der Selbstverständlichkeit, mit der sie einfach ein Gespräch begonnen hatte. Ich kannte nicht einmal ihren Namen – und doch hatte diese Viertelstunde, so unvermittelt begonnen und so abrupt geendet, etwas in mir berührt.</p>
<p class="p1">Mein Herz war warm. Es fühlte sich an wie ein Geschenk. Dass dieses Kind sich mir so geöffnet hatte, einfach so, an einer Ampel. Dass es solche Momente noch gab.</p>
<p class="p1">Mein Lächeln blieb.</p>
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		<title>Gold und Tee</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/6730</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Aug 2026 15:50:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p class="p1">Als ich das Programm gesehen hatte, war die Entscheidung gefallen: ein Kammerkonzert mit Stücken von Paganini, Brahms und Rachmaninow, das uns in eine andere, längst vergangene Welt entführen würde.<span id="more-6730"></span></p>
<p class="p1">Das Cuvilliés-Theater, ein Juwel des Rokoko, das in der Münchner Residenz versteckt liegt wie eine kostbare Schatulle: vergoldete Logen, die sich übereinander türmen wie kunstvoll geschnitzte Balkonzimmer, Stuck und Ornamente in Rot und Gold, Kronleuchter, die das Licht tausendfach brechen. Ein Theater, das aussieht wie eine überbordende barocke Pralinenschachtel – und in dem man sich gleichzeitig winzig und geborgen fühlt. Genau dafür wollte ich nach München.</p>
<p class="p1">Stefan und ich machen das einmal im Monat: ein Kulturwochenende. Theater, Konzert, Museum – der Anlass variiert, aber der Rhythmus ist fest. Diese Ausflüge sind für uns Orte der Zuflucht, Inseln, auf denen wir Kraft schöpfen, Inspiration finden, raus aus dem Alltag kommen. Diesmal München: Konzert am Abend, am nächsten Tag die Residenz besichtigen, durch die Stadt bummeln. Ich hatte mich darauf gefreut, auch darauf, endlich wieder das Abendkleid und die Lackpumps aus dem Schrank zu holen. Denn im Alltag gibt es dafür kaum Gelegenheit.</p>
<p class="p1">Als wir am Hauptbahnhof ausstiegen, schlug uns das Wetter entgegen wie eine Ohrfeige. Eisiger Märzwind, der den Regen schräg durch die Luft peitschte. Ich zog den Mantel enger, versuchte den Kragen hochzuschlagen, aber es half nichts. Der Regen schlich sich überall hinein, unter den Kragen, in die Ärmel, auf die Haut. Um uns herum: Gedränge, Koffer, Stimmen in allen Sprachen. Mein Kopf begann zu dröhnen.</p>
<p class="p1">„Lass uns da drüben reingehen.“ Stefan deutete auf einen Kiosk gegenüber dem Bahnhofsausgang. „Schnell Wasser holen. Und was Süßes.“</p>
<p class="p1">Ich zögerte. Bahnhofsgegend. Ich mag solche Orte nicht, diese Hektik, diese fremde Welt aus Durchreisenden und Gestrandeten. Stefan hatte schon die Straße überquert. Ich seufzte und folgte ihm.</p>
<p class="p1">Im Laden war es warm und angenehm. Ich blinzelte gegen das grelle Licht der LED-Leuchten, alles sehr modern hier, sehr sauber. Kühlschränke summten, Regale mit Süßigkeiten reihten sich ordentlich aneinander. Hinter der Theke stand ein junger Mann und nickte uns zu. Dunkle Augen, offenes Gesicht. Ich nickte zurück, ein bisschen steif vielleicht, und wandte mich zu den Getränken. Eine Flasche Wasser. Dann zu den Süßigkeiten. Müsliriegel? Kekse? Ich stand da und starrte auf die Verpackungen, aber meine Gedanken waren schon bei heute Abend. Ich hoffte, dass das Kleid im Koffer nicht zu sehr zerknittert war und dass ich nichts vergessen hatte.</p>
<p class="p1">Hinter mir glitt die Tür auf. Kalte Luft und der Geruch von nassem Asphalt strömten herein, das schwere Rascheln von Plastiktüten, schlurfende Schritte. Eine ältere Frau kam an mir vorbei. Mehrere Jacken übereinander, darunter noch mehr Schichten. Graues Haar klebte an ihrer Stirn. Die Plastiktüten in ihren Händen waren prall gefüllt und alt, die Henkel zusammengeknotet. Sie ging direkt zum Tee-Automaten in der Ecke.</p>
<p class="p1">Ich spürte, wie ich unwillkürlich zur Seite trat. Machte Platz. Schaute woandershin.</p>
<p class="p1">Der Automat summte. Heißes Wasser zischte in den Becher, Dampf stieg auf. Der Geruch von Früchtetee.</p>
<p class="p1">„Schön, dass du vorbeikommst.“ Die Stimme des Kioskbesitzers war warm, vertraut. Als würde er einen Bekannten begrüßen. Ich tat so, als würde ich die Kekse studieren, aber ich hörte hin. Die Frau murmelte etwas. Leise, undeutlich.</p>
<p class="p1">„Gut, gut“, sagte er. „Und wenn dir wieder kalt wird, du weißt ja. Einfach reinkommen.“</p>
<p class="p1">Sie nickte. Dann das Rascheln der Tüten, die Tür glitt auf, kalte Luft, die Tür schloss sich wieder.</p>
<p class="p1">Ich stand da mit einer Packung Kekse in der Hand und verstand noch nicht ganz, was ich gerade beobachtet hatte.</p>
<p class="p1">Stefan kam zur Theke, legte Wasser und Hanuta hin. Ich folgte ihm.</p>
<p class="p1">„Die Frau gerade“, hörte ich mich sagen. „Kennen Sie die?“</p>
<p class="p1">Er schaute auf, und sein Gesicht wurde weicher. „Ja, klar. Kommt jeden Tag. Manchmal mehrmals am Tag.“ Er deutete zum Automaten. „Tee kann sie kostenlos haben, so viel sie möchte. Gerade bei der Kälte&#8230;“</p>
<p class="p1">Ich spürte, wie sich etwas in mir verschob. Ganz langsam, wie wenn man einen Gegenstand dreht und plötzlich eine andere Seite sieht.</p>
<p class="p1">„Alkohol verkaufe ich ihr nicht“, fuhr er fort, sachlich, aber nicht hart. „Das haben wir so besprochen. Das ist besser für sie.“</p>
<p class="p1">„Das ist&#8230;“ Mir fehlten die Worte. „Das ist sehr&#8230; aufmerksam.“</p>
<p class="p1">Er zuckte die Schultern, fast verlegen. „Sie ist doch auch nur ein Mensch. Genau wie ich.“ Er tippte auf die Kasse. „7,50.“</p>
<p class="p1">Draußen schlug uns der Wind entgegen. Eiskalt, nass. Wir gingen schweigend, unsere Koffer rumpelten über das Pflaster. Nach ein paar Schritten blieb ich stehen und drehte mich um.</p>
<p class="p1">„Ich wollte da nicht rein“, sagte ich leise. „Ich hatte&#8230; ich habe Vorurteile. Gegen solche Orte. Gegen die Menschen dort.“</p>
<p class="p1">Ich dachte an die Frau mit ihren Tüten, an den warmen Tee in ihren Händen. An den jungen Mann, der jeden Tag etwas gab, ohne dass es jemand bemerkte. Der kein Geld mit ihr verdiente, sondern aufpasste. Der sie behandelte wie einen Menschen, nicht wie jemanden, vor dem man zur Seite tritt.</p>
<p class="p1">Und ich dachte an mich. An mein Unbehagen. An den Kontrast zwischen dem, was uns heute Abend erwartete, das goldene Cuvilliés-Theater mit seinen Logen und Kronleuchtern, diese Reise in eine andere Zeit und dieser stillen Güte in einem Kiosk gegenüber dem Bahnhof.</p>
<p class="p1">„Weißt du“, sagte ich, „vielleicht ist das die wichtigere Lektion dieses Wochenendes. Nicht das Konzert. Sondern&#8230; das hier. Dass Menschlichkeit keine Bühne braucht. Dass sie da ist, wo wir nicht hinschauen wollen.“</p>
<p class="p1">Ich wusste: Diesen Moment würde ich nicht vergessen. Nicht den jungen Mann im Kiosk. Nicht die Frau mit dem Tee. Und nicht die Beschämung darüber, wie sehr ich mich geirrt hatte.</p>
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