<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Mittelalter</title>
	<atom:link href="https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/tag/mittelalter/feed" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Sat, 05 Oct 2024 16:22:30 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	<generator>https://wordpress.org/?v=6.9</generator>

<image>
	<url>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/wp-content/uploads/2017/04/cropped-Logo_BJ-1-32x32.jpeg</url>
	<title>Mittelalter</title>
	<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de</link>
	<width>32</width>
	<height>32</height>
</image> 
	<item>
		<title>Hildegard von Bingen: Visionärin zwischen Himmel und Erde</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/5776</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 16 Apr 2024 19:23:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Walhalla]]></category>
		<category><![CDATA[Äbtissin]]></category>
		<category><![CDATA[Benediktinerin]]></category>
		<category><![CDATA[Ernährung]]></category>
		<category><![CDATA[FrauenInDerGeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gelehrte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Heilige]]></category>
		<category><![CDATA[Heilkunst]]></category>
		<category><![CDATA[Hildegard von Bingen]]></category>
		<category><![CDATA[Komponistin]]></category>
		<category><![CDATA[Krankheit]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Mystikerin]]></category>
		<category><![CDATA[Naturheilkunde]]></category>
		<category><![CDATA[Pionierin]]></category>
		<category><![CDATA[Prophetin vom Rhein]]></category>
		<category><![CDATA[Seherin]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Visionärin]]></category>
		<category><![CDATA[Visionen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.bettinas-jungbrunnen.de/?p=5776</guid>

					<description><![CDATA[<p class="p1">Die Sehnsucht nach Heilung und Erlösung war schon immer tief in den Menschen verwurzelt, damals wie heute. Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem wahren Glück und dem Platz des Menschen in der Schöpfung begleiten die Menschheit seit jeher. Doch wer kann diese Fragen beantworten? Wer zeigt uns den Weg durch die Dunkelheit? Und letztlich: Wer ist Gott und wie teilt er sich uns mit?<span id="more-5776"></span></p>
<p class="p1">Eine Frau im 12. Jahrhundert erhob ihre Stimme, um genau diesen Fragen nachzuspüren: Hildegard von Bingen, eine Seherin und Heilerin, deren Weisheit und Erkenntnis weit über die Klostermauern hinaus strahlte. Ihre Werke sind eine Botschaft der himmlischen Harmonie, die in die irdische Welt hinabstrahlt.</p>
<p class="p1">„Jemand wollte ein Loch graben. Doch als er mit einem Holz- und einem Eisenwerkzeug grub, entsprang einem Stein, auf den er stieß, Feuer, sodass man diese Stelle auf keine Weise durchbohren konnte. Da machte er die Größe dieser Stelle kenntlich und bohrte dort mit großer Anstrengung trotzdem einige Löcher. Und dieser Mann sprach zu sich: Ich habe mich sehr abgeplagt, doch der nach mir kommt, wird leichtere Arbeit haben, denn er findet alles für sich bereit.- Natürlich wird dieser Mann von seinem Herrn gelobt werden, denn sein Werk ist an Größe und Ausdauer viel nutzbringender als die Arbeit an lockerer Erde, die vom Flug umgewendet wird. So wird ihn auch sein Herr für einen ganz starken Streiter erachten, der sein Heer bestens unterstützen kann. Und er wird ihn über die andern Bauern stellen, die zu gegebener Zeit den Ertrag abliefern. Denn wer immer sich zuerst mühte, übertrifft die Arbeit dessen, der ihm folgt. Der Schöpfer der Welt begann nämlich zuerst zu schaffen, und danach ließ er seine Diener in seinem Sinn arbeiten.“</p>
<p class="p1">Mit der Fabel vom weisen Mann antwortet Hildegard Äbtissin von Dietkirchen, die sich auf der Suche nach Rat und „ein paar Mahnworte, die meine Seele erbauen und mir Vertrauen auf Gott einflößen sollen“ an sie wendet.</p>
<p class="p1"><b>Von einem kränklichen Kind zur geistlichen Mutter</b></p>
<p class="p1">Hildegard wurde 1098 als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim geboren. Schon früh erkannte ihre Familie, dass sie ein besonderes Kind war, doch ihre Kindheit war von Krankheit geprägt. Als sie acht Jahre alt war, gaben ihre Eltern das schwache, aber kluge Mädchen in die Obhut des Benediktinerklosters Disibodenberg. Dort fand sie in Jutta von Sponheim eine strenge, aber weise Mentorin, die Hildegard in den Psalmen und dem Gesang unterrichtete.</p>
<p class="p1">Hildegard lebte 44 Jahre lang in dieser geistlichen Gemeinschaft, bis sie 1150 schließlich ein eigenes Kloster gründete – den Rupertsberg, in der Nähe von Bingen. Ihre Visionen, die sie seit ihrer Kindheit begleiteten, machten sie zur gefragten Ratgeberin für Könige, Päpste und Kaiser.</p>
<p class="p1"><b>Diskreter Führungsstil – Die Weisheit der „Discretio“</b></p>
<p class="p1">Die benediktinische Lebensform, die auf den heiligen Benedikt zurückgeht, war von einem Prinzip geprägt, das Hildegard als essenziell für ihr Leben und ihre Führung betrachtete: „Discretio“. Dieses Wort steht für die kluge Balance im Leben, für maßvolles Handeln und die Fähigkeit, zwischen den richtigen Wegen zu unterscheiden.</p>
<p class="p1">Für Hildegard war die Klosterregel, die auf dieser Weisheit basierte, nicht nur eine Richtschnur für ihr eigenes Leben, sondern auch ein Fundament für die gesamte klösterliche Gemeinschaft.</p>
<p class="p1">Als Äbtissin erkannte Hildegard, dass „discretio“ die Schlüsselkompetenz für jede Führungsposition sei. Die Aufgabe eines Anführers bestand für sie darin, Menschen mit ihren unterschiedlichen Begabungen, Temperamenten und Schwächen zu einer harmonischen Gemeinschaft zu formen. Diese Balance, so Hildegard, war die treibende Kraft, die das Zusammenleben und das Zusammenwirken verschiedener Menschen überhaupt erst möglich machte.</p>
<p class="p1">Sie ermahnte diejenigen, die Rat bei ihr suchten, zuerst in sich selbst die Balance zu finden und ihre innere Mitte zu bewahren: „Seid aufmerksam und achtsam“, warnte sie, „weder andere noch sich selbst darf man über- oder unterfordern.“</p>
<p class="p1"><b>Auf Augenhöhe mit den Großen der Welt – „Die Prophetin vom Rhein“</b></p>
<p class="p1">Schon bald verbreitete sich Hildegards Ruf weit über die Grenzen ihres Klosters hinaus. Ihre Schriften und Visionen erreichten Könige und Kaiser, darunter Friedrich Barbarossa, den mächtigsten Herrscher des Heiligen Römischen Reiches. In einem ihrer berühmtesten Briefe scheut sie sich nicht, dem Kaiser seine Fehler direkt vor Augen zu führen: „In der mystischen Schau sehe ich, wie du dich wie ein Kind verhältst und gleichsam wie ein Verrückter“ und „Achte darauf, so zu sein, dass die Gnade Gottes in dir nicht erlahmt.“</p>
<p class="p1">Diese Worte zeigen die mutige Stimme einer Frau, die in einer von Männern dominierten Welt nicht nur mit Weisheit, sondern auch mit unerschütterlicher Überzeugung sprach. Insgesamt 390 Briefe sind erhalten, in denen Hildegard sowohl Herrscher als auch einfache Gläubige beriet – oft in Latein, obwohl sie sich selbst als „indocta“ (ungelehrt) bezeichnete. Doch ihr Mut und ihre Klarheit machten sie zu einer gefragten Ratgeberin.</p>
<p class="p1"><b>Tugenden als Wegweiser zum Himmel</b></p>
<p class="p1">„Rede also von diesen wunderbaren Dingen, und schreibe sie, auf diese Weise belehrt, nieder und berichte sie!“, hörte Hildegard eine Stimme vom Himmel, die sie anwies, ihre Visionen niederzuschreiben. Seit ihrem fünften Lebensjahr hatte sie „das Geheimnis verborgener, wunderbarer Schauungen“ erfahren, doch sie teilte sie nur mit wenigen Vertrauten. Erst im Jahr 1141, im Alter von 42 Jahren, wurde sie von einem „feurigen Licht mit stärksten Leuchten, das aus dem offenen Himmel kam“ durchströmt, und begann daraufhin, ihre Visionen niederzuschreiben.</p>
<p class="p1">„Die Visionen aber, die ich schaute, habe ich weder in Träumen noch schlafend noch in Geistesverwirrung noch mit den leiblichen Ohren des äußeren Menschen noch an verborgenen Orten wahrgenommen, sondern ich empfing sie wachend und umsichtig bei klarem Verstand mit den Augen und Ohren des inneren Menschen an zugänglichen Orten nach dem Willen Gottes.“ So schildert Hildegard ihre Erlebnisse in ihrem Werk Scivias.</p>
<p class="p1">Insgesamt verfasste sie 26 Visionen in drei Hauptwerken: Scivias, Das Buch der Lebensverdienste und Das Buch vom Wirken Gottes. Für Hildegard war der Mensch das „vollkommene Werk Gottes“ und zugleich derjenige, der zwischen Gut und Böse entscheiden muss. Die Tugenden, so lehrte sie, seien Gottes Geschenk an die Menschen, um ihnen den Weg zum Himmel zu weisen. „Ist doch der Mensch das volle Werk Gottes. Auf diese Weise beherrscht der Mensch die gesamte Schöpfung, denn er ist mehr als alle Kreatur.“</p>
<p class="p1">Ihre eigene Lebenserfahrung schildert sie in einem Brief an ihre Nonnenschwestern. Demzufolge „gewinnt der Mensch das höchste Wissen unter der Last der Härte, die von dem kommt, was schädlich ist, und so erkennt er, was Gut und Böse ist, und so kann er allem einen Namen geben“.</p>
<p class="p1"><b>„Physica“ – Die Heilkraft der Natur</b></p>
<p class="p1">Hildegard von Bingen lebte inmitten einer fruchtbaren Landschaft, nahe am Fluss, umgeben von üppigen Wäldern und in einer Region, die für ihre Edelsteinvorkommen bekannt war. Diese natürliche Umgebung ermöglichte es ihr, die Elemente der Natur genau zu beobachten und tiefere Einsichten zu gewinnen.</p>
<p class="p1">Sie betrachtete die Schöpfung als ein Geschenk Gottes an die Menschheit, in dem alles seinen Platz und seine Ordnung hat. Diese Überzeugung spiegelte sich in ihrer umfangreichen wissenschaftlichen und medizinischen Enzyklopädie „Physica“ wider, die umfassende Kenntnisse über Pflanzen, Tiere und Mineralien enthält.</p>
<p class="p1"><b>Harmonie von Körper und Geist</b></p>
<p class="p1">Für Hildegard war Krankheit Ausdruck einer Unordnung im Körper. Sie sah es als ihre Aufgabe, das Gleichgewicht wiederherzustellen, wobei die richtige Ernährung eine zentrale Rolle spielte – denn für sie waren Körper und Geist untrennbar miteinander verbunden.</p>
<p class="p1">„Wenn nämlich ein Mensch seinen Leib maßvoll nähert, hat er einen sanftmütigen und frohen Charakter. Lebt er aber im Übermaß an Speisen und Gelagen, dann lässt er jedwedes schädliche Laster in sich wuchern. Wer dagegen durch maßlose Abstinenz seinen Leib aufreibt, kommt immer zornig daher.“</p>
<p class="p1">Hildegard ging davon aus, dass die inneren „Säfte“ des Körpers durch verschiedene Nährstoffe ausgeglichen werden müssen, um die Harmonie zu bewahren. Sie gab zudem allgemeine Ratschläge zur richtigen Ernährungsweise.</p>
<p class="p1">So empfahl sie beispielsweise ein warmes Frühstück aus Feldfrüchten und Mehl, „damit es seinen Magen-Darm anheizt“. Nach dem Essen sollte man „nicht sogleich schlafen, ehe nicht die Geschmacksstoffe und die arteigenen Saftstoffe samt den Duftstoff an die Stellen gelangten, für die sie bestimmt sind“. Dinkel bezeichnete Hildegard als das „Wundergetreide“. Uneingeschränkt empfahl sie dessen täglichen Verzehr, und für jede Mahlzeit findet man bei ihr passende Dinkelrezepte.</p>
<p class="p1"><b>Krankheit als „kreative Auszeit“</b></p>
<p class="p1">Trotz ihrer schwachen Gesundheit war Hildegard zeitlebens eine unermüdliche Arbeiterin. Sie litt häufig an Krankheiten, doch sie betrachtete ihre Leiden nie als bloße Schwäche. Wie der Apostel Paulus erkannte auch sie in ihrem Leiden eine Prüfung Gottes. In einem Brief schreibt sie: „Um Hochmut und Überheblichkeit vorzubeugen, wurde mir wie auch dem Apostel ein ‚Stachel ins Fleisch‘ gegeben, der mich meiner Gebrechlichkeit mahnt.“</p>
<p class="p1">Statt sich von ihrer Krankheit lähmen zu lassen, nutzte Hildegard diese Phasen als „kreative Auszeit“, um sich auf ihre nächste Aufgabe vorzubereiten. Diese Zeiten der körperlichen Schwäche halfen ihr, sich geistig zu stärken und ihre Visionen weiterzuentwickeln.</p>
<p class="p1"><b>Ein Erbe für die Ewigkeit</b></p>
<p class="p1">Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im Alter von 81 Jahren. Trotz ihrer körperlichen Schwäche hinterließ sie ein gewaltiges Werk, das bis heute einzigartig in Umfang und Qualität ist. Neben ihren Visionen und naturkundlichen Schriften hinterließ sie 77 Kompositionen – ein Zeugnis ihrer spirituellen und künstlerischen Kraft.</p>
<p class="p1">Schon zu ihren Lebzeiten galt Hildegard als Heilige, und viele Menschen waren überzeugt, dass sie ein Werkzeug Gottes auf Erden war. Doch erst 2012, fast 900 Jahre nach ihrem Tod, wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin und Heiligen erhoben – eine der wenigen Frauen, die diese Ehre erhalten haben.</p>
<p class="p1">Ihr Erbe bleibt lebendig: Ihre Schriften und Kompositionen inspirieren weiterhin Generationen, ihre Lehren über Heilung und spirituelle Gesundheit sind heute ebenso aktuell wie damals. Hildegard von Bingen war nicht nur eine Mystikerin, sondern eine Pionierin ihrer Zeit – eine Frau, deren Weisheit und spirituelle Visionen die Grenzen ihres Klosters weit überschritten und die Welt nachhaltig geprägt haben.</p>
<div class="read-more-wrapper"><a  href="https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/5776" title="Read More"> <span class="nobutton"> [&#8230;] </span></a></div>]]></description>
		
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Walther von der Vogelweide: Tugendhaftigkeit zahlt sich aus</title>
		<link>https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/5264</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Jan 2023 19:06:46 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Walhalla]]></category>
		<category><![CDATA[Dichter]]></category>
		<category><![CDATA[Gesang]]></category>
		<category><![CDATA[Künstler]]></category>
		<category><![CDATA[Lyriker]]></category>
		<category><![CDATA[Minnesang]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Rechtschaffenheit]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbeherrschung]]></category>
		<category><![CDATA[Tugend]]></category>
		<category><![CDATA[Walther von der Vogelweide]]></category>
		<category><![CDATA[Wartburg]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.bettinas-jungbrunnen.de/?p=5264</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der singende Berichterstatter gilt als der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des Mittelalters. An den Höfen von Kaisern, Königen und Fürsten war er zu Gast – trotzdem hatten seine Reisen mit den Erfolgstourneen berühmter Künstler unseres Jahrhunderts wenig gemeinsam.<span id="more-5264"></span></p>
<p>Die bitterkalte Nacht war vorüber. Reif hatte den hart gefrorenen Boden überzogen und krachte unter jedem Fußtritt. Ein einsamer Reiter zog frierend die Schultern hoch. Den Hut tief in die Stirn gedrückt, das Wams an vielen Stellen geflickt, die Schuhe abgetragen und der Ackergaul, auf dem diese traurige Gestalt saß, war schwer und behäbig. Das beste Stück, das er mit sich führte, war die Laute. Sie hing neben dem linken Bein des Reiters, war aus tadellosem Holz geschnitzt und mit frischen Saiten bespannt.</p>
<p>Ein Mann, mit Pfeil und Bogen auf dem Rücken und zwei prächtigen Fuchsbälgen in den Händen, näherte sich dem fremden Reiter und rief: „Was sagt ihr dazu, Herr! Daraus lässt sich ein warmer Pelzmantel machen!“ Wehmütig strich der Reiter über das weiche Fell der Füchse und fragte nach dem Preis. Abschätzend, fast mitleidig maß der Jäger Mann und Pferd. „Für euch, Herr: drei Solidi. Sehr billig!“ Seufzend ließ der Sänger die Füchse wieder los.</p>
<p>Da erblickten beide in einigen Hundert Metern Entfernung einen sich nähernden Reitertrupp. „Irre ich mich …?“, rief der betuchte Reiter und sein Blick ruhte auf dem fahrenden Sänger. „Herr Bischof von Passau“, sagte dieser. „Ihr irrt Euch nicht!“ Da rief der Kirchenfürst: „Also doch! Walther von der Vogelweide! Was treibt Ihr?“ Wehmütig schildert der Sänger, dass am Hofe Herzog Leopolds kein Platz mehr für ihn sei und wie ungern er Österreich verlassen müsse, um in die Fremde zu ziehen.</p>
<p>„Habt Ihr keinen Wintermantel, Herr Walther?“, fragt der Bischof. „Je weniger man mit sich führt, desto leichter reist es sich“, versuchte dieser zu scherzen. „Damit dürft Ihr nicht spaßen, Herr Walther!“ Nun trat der Jäger abermals hervor und pries seine Fuchsbälge an. Da wies der Bischof seinen Sekretarius an, fünf Solidi aus der Reisekasse an den Sänger auszuzahlen. So verzeichnete der Schreiber des Bischofs Wolfger von Passau, er habe auf Befehl seines Herrn im Orte Zeiselmauer bei Tulln dem Sänger Walther von der Vogelweide fünf Solidi ausbezahlt, damit sich dieser einen warmen Wintermantel kaufen könne. Es war der 12. November 1203.</p>
<p><strong>Über die Tugend des Herzens</strong></p>
<p>So wie Walther von der Vogelweide reisten in jener Zeit auch andere singende Berichterstatter von Hof zu Hof und verdienten sich so ihr täglich Brot. So gelangten Lyrik und Literatur im deutschsprachigen Raum um das Jahr 1200 zu einem Höhepunkt.</p>
<p>Drei lyrische Typen waren zu dieser Zeit vertreten: der Minnesang als Inbegriff der Liebesdichtung, die Sangspruchdichtung mit ihrer politischen Orientierung und die Leichdichtung mit religiösem Kern. In allen drei Gattungen der Lyrik erschuf Walther von der Vogelweide herausragende Werke. Über 100 Texte sind von ihm überliefert. Als seine bekanntesten Werke gelten „Under der linden“, „Saget mir ieman: waz ist minne“ und der „Reichston“ ein politisches Großgedicht.</p>
<p>Walther von der Vogelweide lebte schätzungsweise von 1170 bis 1230. Sein Lebensweg lässt sich nur anhand seiner Werke und denen seiner Kollegen, die ihn in ihren Dichtungen lobend erwähnen und somit verewigten, rekonstruieren. Er galt als vielseitiger und kluger Berichterstatter.</p>
<p>Freilich verstand er es, Liebeslieder zu singen und den Damen Komplimente zu machen. Doch geistige Vorzüge, weibliche Anmut und Liebenswürdigkeit schätze er höher als die vergängliche Schönheit. Die Tugend als eine Eigenschaft des Herzens, die nicht aus einer einzigen Tat bestehe, übertreffe seiner Meinung nach alles. Denn wie es im Herzen aussehe, darauf komme es an.</p>
<p>Als die größte Tapferkeit preist Walther die Selbstbeherrschung. Insbesondere vor Trunksucht und dem Missbrauch der Zunge warnt er. Der brave Mann erkenne fremden Verdienst gerne an und halte sich von Neid und Hass fern. Reumütig bekennt der Dichter jedoch, seinen Feind nicht lieben zu können, wie es die christliche Lehre fordert. „wie solt ich den geminnen der mir übele tuot?“ („Wie soll ich den lieben können, der mir Übles tut?“)</p>
<p><strong>Gottes Huld, Ehre und Gut</strong></p>
<p>Sinnierend auf einem Stein sitzend, kostbar und bunt eingekleidet, mit einer Krone auf dem Kopf, ist der Dichter in den mittelalterlichen Liedersammlungen abgebildet. So vergisst man leicht, dass er ein Mensch war, der nicht nur kritisch die Missstände seiner Zeit beleuchtete, sondern sie auch am eigenen Leibe spürte:</p>
<p>„Keinen Rat wusste ich zu geben, wie man drei Schätze erlangen könnte, ohne dass einer von ihnen verlorenginge. Zwei von denen sind Ansehen und vergänglicher Besitz, Gnade bei Gott ist der dritte, von höherem Wert als die beiden anderen. Die wünsche ich mir in einen Kasten. Aber wahrhaftig, das ist leider unmöglich, dass Besitz und Ansehen vor der Welt und dazu noch Gnade bei Gott zusammen in ein Herz kommen. Weg und Steg sind ihnen verlegt: Treulosigkeit lauert im Hinterhalt, Gewalttat treibt Straßenraub; Frieden und Recht sind todwund. Die drei haben keinen Geleitschutz, wenn Friede und Recht nicht vorher genesen.“</p>
<p>Lange beschäftigt ihn die Frage, wie diese drei Schätze gewonnen werden können, nach denen sich die Menschen seiner Zeit sehnen.</p>
<p>In einem seiner ältesten politischen Gedichte empfiehlt Walther „gotes hulde, êre und gout“ (Gottes Huld, Ehre und Gut) und als moralischen Grundsatz für Kaiser rät er: „frume, gotes hulde und werltlich êre“ (Rechtschaffenheit, Gottes Huld und weltliche Ehre). So sollten Gottes Huld und Ehre das menschliche Handeln leiten. Die Ehre bezeichnet er als Tugend und Schmuck dieser Welt, insbesondere des Ritterstandes. Der Dichter orientiert sein Handeln an diesen Werten. Denn Besitz ohne die rechte Gesinnung, ohne Ehre und Gottvertrauen berge die Gefahr von Schande und Sünde.</p>
<p><strong>Ritter Gerhard Atze erschießt das Ross</strong></p>
<p>Viele seiner Erlebnisse sind über Lieder und Gedichte bis heute präsent. Bei einem Zusammentreffen mit einem Ritter gerät Walthers ausgeprägter Sinn für Recht und Ordnung gehörig aus dem Gleichgewicht. Denn mehr noch als seine Armut schmerzen ihn Ungerechtigkeit und Missachtung.</p>
<p>Aus dem „Spottlied auf den treulosen Ritter Atze“ lässt sich eine Begebenheit um das Jahr 1207 rekonstruieren. Der auf der <em><a href="https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/5402" target="_blank" rel="noopener">Wartburg</a></em> lebende Ritter Atze kreuzt bei Eisenach Walthers Weg. Ein Knall erschallt und das Pferd des Sängers fällt tot um.</p>
<p>Zur Rede gestellt, erklärt der aufgebrachte Ritter, dass dem Pferd recht geschehen sei, da es doch die Schuld daran trägt, dass er zum Krüppel geworden ist. Warum? Was für eine Frage! Ein Pferd habe ihm den Finger abgebissen. Was das mit Walthers Pferd zu tun habe? Das sei doch klar: Blutsverwandt waren die Tiere! Auf Walthers Schadenersatzforderung reagiert der Ritter uneinsichtig und der Sänger war um seinen kostbaren, überlebensnotwendigen Besitz betrogen.</p>
<p>In der Erwartung, die neuesten Nachrichten wie von einem modernen Zeitungsreporter überbracht zu bekommen, versammelten sich kurz darauf Ritter und edle Damen des Thüringer Hofes auf der <em><a href="https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/724" target="_blank" rel="noopener">Wartburg</a></em>. Walther überrascht seine Zuhörer, indem er ihnen vorträgt, was ihm persönlich unter den Nägeln brennt: „Mir hat Herr Gerhard Atze in Eisenach ein Ross erschossen …“ Er erhebt Anklage und fordert den Landgrafen auf, seiner Pflicht Recht zu sprechen, nachzukommen.</p>
<p>Doch Atze kommt ungeschoren davon. Walther wird das Recht auf Schadensersatz versagt und er erlebt wieder einmal, wie hart ihm das Leben mitspielt. Was nützen Beifall und Ruhm, wenn er doch immer wieder wie ein armer Bettler an seinen Lohn erinnern muss und auf die Gnade der Mächtigen angewiesen bleibt?</p>
<p><strong>„Ich habe mein Lehen!“</strong></p>
<p>Etwa sechs Jahre nach dem Streit mit Ritter Atze fand Walther in Friedrich von Hohenstaufen einen Gönner, der seine Dienste besser zu schätzen wusste als andere Fürsten. Ein Jahr nachdem Friedrich von Hohenstaufen zum Kaiser gekrönt worden war, überließ er dem singenden Berichterstatter ein eigenes Gut als Lehen.</p>
<p>Als Lehensmann des Kaisers genoss Walther das Ansehen eines Ritters und hatte Anspruch auf kaiserlichen Rechtsschutz. Die Willkür eines Atze konnte ihm nichts mehr anhaben.</p>
<p>Walthers Wunsch, Hausherr zu sein und selbst Gäste zu begrüßen, ging endlich in Erfüllung. Das fortwährende Reisen, sein „Gauklerleben“ zwischen der Seine in Nordfrankreich, der Trave in Schleswig-Holstein, Ungarn und Oberitalien nahm ein Ende. Frostbeulen, angemessene Kleidung und regelmäßige Mahlzeiten – diese Sorgen gehörten nun der Vergangenheit an. <img decoding="async" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/2d047d6d1bc44b18a02c41efa3d6fce5" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>&#160;</p>
<div class="read-more-wrapper"><a  href="https://www.bettinas-jungbrunnen.de/archive/5264" title="Read More"> <span class="nobutton"> [&#8230;] </span></a></div>]]></description>
		
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>