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Ein Ort außerhalb der Zeit

Begegnungen

Ein grauer Himmel lag über Bamberg, die Kälte kroch langsam durch die Kleidung, und doch war die Stadt voller Leben. In den Straßen drängten sich Menschen, vor den Geschäften herrschte reges Treiben, und je näher ich dem Domberg kam, desto mehr Touristen begegneten mir. Sie blieben stehen, fotografierten, betrachteten die alten Fassaden und suchten nach dem nächsten lohnenden Motiv.

Ich hatte ein anderes Ziel.

Meine Schritte führten mich zur Staatsbibliothek in der Neuen Residenz. Dort wartete ein Buch auf mich, das bereits 1903 erschienen war. Ein Werk über Paracelsus, den Arzt, Naturforscher und eigenwilligen Denker des 16. Jahrhunderts. Für mein neues Buch „Glut und Geist – Erbe und Inspiration deutscher Zunge“ standen die letzten Recherchen an. Über Monate hinweg hatte ich dafür zahlreiche Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, darunter auch viele ältere Werke. Doch dieses eine Buch bildete eine Ausnahme.

Es durfte nicht ausgeliehen werden, sondern konnte ausschließlich unter Aufsicht im Lesesaal eingesehen werden. Eine verständliche Vorsichtsmaßnahme, die meinem Besuch etwas Besonderes verlieh.

Schon beim Betreten des Saales war der Lärm der Stadt vergessen.

Was für ein Raum!

Über den langen Arbeitstischen erhob sich eine reich verzierte Decke, deren Stuckaturen sich in kunstvollen Formen über Bögen und Wandflächen zogen. Ornamente, Figuren und geschwungene Linien verliehen dem Raum eine beinahe festliche Leichtigkeit.

Dass hier einst die Bamberger Fürstbischöfe residierten, war kaum zu übersehen. Der heutige Lesesaal gehörte ursprünglich zu ihren repräsentativen Räumen. Später diente dieser Teil der Residenz sogar als Hofkapelle. Nun saßen dort Menschen über Büchern, Notizen und Manuskripten.

Ich war zum ersten Mal hier, und für einen Augenblick vergaß ich beinahe, weshalb ich gekommen war.

Dann fiel mein Blick durch eines der Fenster.

Draußen lag der Rosengarten der Neuen Residenz, ein Ort, der mir vertraut ist. An schönen Tagen verbringe ich dort hin und wieder meine Mittagspause. Dann sitze ich auf einer der Bänke, lasse das geschäftige Treiben des Arbeitsalltags hinter mir und genieße für eine Weile die Ruhe zwischen Rosenbeeten, Hecken und alten Mauern. Heute betrachtete ich diesen vertrauten Garten zum ersten Mal aus einer ganz anderen Perspektive.

Selbst an diesem trüben Novembertag zeigte er sich überraschend lebendig. Die Beete und Hecken leuchteten noch in sattem Grün, und vereinzelt blühten sogar noch Rosen.

Schließlich nahm ich an einem der Tische Platz.

Vor mir lag das Buch aus dem Jahr 1903. Theophrastus Paracelsus. Sein Leben und seine Persönlichkeit, verfasst von Franz Strunz und erschienen im Leipziger Verlag Eugen Diederichs. Schon das Aufschlagen war ein kleines Erlebnis. Das Papier fühlte sich ungewöhnlich kräftig an, beinahe rau, und an den Seitenrändern verliefen die Fasern in feinen, unregelmäßigen Linien. Es erinnerte an Büttenpapier. Auf dem Titelblatt standen die kunstvoll geformten Buchstaben einer alten Druckschrift, darunter die kleine Abbildung eines Löwen.

Vorsichtig blätterte ich durch die Seiten. Der Text war in Fraktur gesetzt, wie es zur damaligen Zeit üblich war. Doch es war nicht allein der Inhalt, der mich beschäftigte. Auch das Buch selbst erzählte von einer Epoche, in der Papier, Schrift und Einband noch eine ganz eigene ästhetische Bedeutung besaßen. Mehr als ein Jahrhundert hatten diese Seiten überdauert, waren durch unbekannte Hände gegangen und lagen nun vor mir auf einem Tisch in einem barocken Saal.

Draußen verging der Samstag. Hin und wieder hob ich den Kopf und betrachtete die Stuckdecke oder die wenigen Rosen hinter den Fenstern. Im Saal blieb es still. Nur leise Bewegungen und das gelegentliche Umblättern einer Seite erinnerten daran, dass auch andere Menschen hier ihren Gedanken nachgingen.

Vertieft in meine Lektüre bemerkte ich kaum, wie schnell die Zeit verging. Schließlich schloss ich das Buch, gab es zurück und verließ den Lesesaal.

Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Eben noch die beinahe vollkommene Stille zwischen alten Büchern und barocken Mauern, nun wieder das Stimmengewirr der Touristen und das geschäftige Treiben eines Samstags. Menschen strömten über den Domberg, unterhielten sich, fotografierten und gingen ihrer Wege. Nur wenige Schritte trennten diese beiden Welten, und doch schienen Jahrhunderte dazwischenzuliegen.

Inmitten all dieser Geschäftigkeit wurde mir bewusst, wie selten solche Momente der Ruhe geworden sind. Vielleicht war es gerade diese eigentümliche Verbindung aus Stille, Geschichte und zeitloser Schönheit, die mich so beeindruckt hatte. Obwohl ich längst wieder unter den Menschen unterwegs war, begleitete mich etwas von der besonderen Ruhe des Lesesaals noch durch den restlichen Samstag.

Tags: Autor, Bamberg, begegnungen, Buch, Glut und Geist, Historische Orte, Kulturgeschichte, Lesesaal, Literatur, Neue Residenz, Staatsbibliothek

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