Wechselnde Orte, dieselbe Sehnsucht
BegegnungenIch schaue mir Shen Yun seit Jahren an. Jedes Jahr an einem anderen Ort. Dieses Mal war es Füssen. Das Ensemble machte hier Station, und wir haben den Besuch mit ein paar Tagen Urlaub verbunden.
Vor ein paar Jahren waren wir schon einmal in der Gegend, am Eibsee. Damals wollten wir auch nach Füssen weiter, doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Es regnete in Strömen, und wir sind schließlich weitergefahren. Diesmal hat es gepasst.
Am Abend sitzen wir im Festspielhaus. Das Licht wird gedimmt. Gespräche verstummen. Und dann beginnt es.
Es ist dieses Eintauchen in eine Welt, die leicht wirkt, fast unbeschwert. Farben in ihrer ganzen Vielfalt, mal leuchtend, mal zart und zurückhaltend. Kostüme, die nicht nur schmücken, sondern Bedeutung tragen. Bewegungen, die mühelos erscheinen und gerade deshalb zeigen, wie viel Disziplin dahintersteht.
Und dann sind da diese Geschichten.
Erzählungen aus einer über Jahrtausende gewachsenen Kultur. Es geht um Güte. Um Hilfsbereitschaft. Um die Frage, was den Menschen im Innersten ausmacht. Um das Ringen zwischen Gut und Böse und darum, wie man sich darin entscheidet.
Manchmal taucht der Affenkönig auf, verspielt, kraftvoll und oft mit einem leichten Humor. Seine Geschichten stammen aus der „Reise in den Westen“, einem der bekanntesten Werke der chinesischen Literatur. Daneben stehen andere Erzählungen über Mönche, die sich in den Bergen kultivieren. Die gesamte Inszenierung ist aus einem Guss. Kostüme, Musik, die animierte Videoleinwand und die Tänzer greifen ineinander, jedes Element auf das andere bezogen. Die Wirkung dieses Zusammenspiels ist harmonisch und eindrücklich.
Die Musik verstärkt diesen Eindruck. Es ist ein Orchester, das westliche und traditionelle chinesische Instrumente verbindet, und gerade diese Verbindung macht den Klang so unverwechselbar. Ich freue mich jedes Jahr darauf, ganz besonders auf das Solo der Erhu-Spielerin. Zwei Saiten, und doch entsteht daraus ein Klang von solcher Fülle und Tiefe. Ich finde es noch immer faszinierend, wie das möglich ist.
Ich merke, wie ich nicht nur zuschaue, sondern hineingezogen werde. Ich nehme etwas mit. Kein großer Vorsatz. Eher etwas, das nachklingt. Die Eindrücke setzen sich fort, auch über den Abend hinaus. Es ist die gesamte Inszenierung, die noch nachhallt, die ordnet, die harmonisiert. Gerade weil im Alltag oft wenig Raum für Schönheit und Inspiration bleibt. Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: ein Gefühl von Ruhe und ein Stück Hoffnung.
Vielleicht ist es genau das, was mich jedes Jahr wiederkommen lässt. Nicht der Ort. Nicht die Inszenierung allein. Sondern das, was darüber hinausgeht.
Draußen wird vieles lauter. Unruhiger. Die Nachrichten überschlagen sich, Widersprüche nehmen zu. Und dann gibt es diesen Abend, der nichts davon ausblendet, aber etwas dagegenstellt. Eine Form von Ruhe.
Und zugleich die andere Seite. So viel Schönheit auf der Bühne, und doch darf genau das in China selbst nicht gezeigt werden. Die Traditionen, die hier lebendig werden, wurden über Jahrzehnte hinweg zurückgedrängt. Und auch heute noch werden Menschen verfolgt und inhaftiert, die an ihnen festhalten.
Das bleibt im Hintergrund. Aber es ist da.
Und vielleicht macht es genau deshalb einen Unterschied. Denn man spürt, dass das, was hier gezeigt wird, mehr ist als Darstellung. Es ist etwas, das weitergetragen wird. Auch unter dem Preis, dass die Künstler nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können, weil sie diese Kultur, die über fünftausend Jahre gewachsen ist, in der Welt lebendig halten.
Die Lichter gehen an. Und so gehe ich am Ende wieder hinaus, zurück in die Nacht und zurück in den Alltag. Die Eindrücke werden mich noch lange begleiten.