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Geteilte Hilflosigkeit

Begegnungen

Der Bus war an diesem Nachmittag nicht voll. Es war einer dieser grauen Tage, an denen das Licht schon früh matter wird, ohne dass es wirklich dunkel ist. Ich setzte mich auf einen Vierersitz, legte meine Tasche neben mich und blickte aus dem Fenster.

Zwei Stationen später stieg ein älterer Mann ein und nahm mir gegenüber Platz. Er war groß, hatte graue Haare und wirkte gepflegt. Er trug eine rot-blaue Jacke, hüftlang, offen.

Er wollte sie schließen. Seine Hand griff nach dem Reißverschluss, führte ihn nach oben – und verfehlte ihn. Seine Finger zitterten leicht. Nicht heftig, nicht dramatisch, aber unruhig genug, dass der kleine Metallhaken immer wieder danebenrutschte. Auch sein Kopf bewegte sich, kaum merklich, ein leises, stetiges Zittern.

Er versuchte es noch einmal. Und noch einmal.

Ich sah hin und tat gleichzeitig so, als sähe ich nicht hin.

In mir begann ein leises Abwägen. Sollte ich etwas sagen? „Darf ich Ihnen helfen?“ Vielleicht hätte ich einfach die Hand ausstrecken können. Aber der Reißverschluss lag tief, ich hätte mich vorbeugen müssen, sehr nah. Eine fremde Person, ein fremder Körper. Hilfe kann schnell zu Nähe werden. Und Nähe zu etwas, das man nicht will.

Er atmete aus, sammelte sich, setzte neu an. Der Bus ruckelte weiter, draußen zogen graue Fassaden vorbei.

Ich spürte nicht nur seine Anstrengung. Ich spürte meine eigene Unsicherheit. Die Angst, etwas falsch zu machen. Ihn zu beschämen. Ihm seine Schwäche zu sehr vor Augen zu führen. Oder ihn allein zu lassen mit etwas, das ich vielleicht hätte erleichtern können.

Nach einer Weile ließ er vom Reißverschluss ab. Stattdessen tasteten seine Finger nach den Druckknöpfen der Jacke. Einen nach dem anderen schloss er sie, langsam, konzentriert. Es dauerte. Aber es ging.

Niemand sonst schien etwas bemerkt zu haben.

Als er ein paar Stationen später ausstieg, blieb sein Blick einen Moment an mir hängen. Vielleicht bilde ich mir das ein. Vielleicht war es auch nur Zufall.

Der Bus fuhr weiter.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich hätte helfen sollen.

Tags: alltagsgeschichten, augenblicke, begegnungen, beobachtungen, bloggerde, gedanken, geschichten, Inspiration, kurzgeschichten, lebensmomente, literaturblog, Naturmomente, schreiben, unterwegs

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