Die kleinen Pakte
BegegnungenIn der Hölle herrscht Flaute. Charon, der Fährmann, der die verdammten Seelen über den Styx rudern muss, beschwert sich beim Teufel: Ihm sei langweilig. Seit langem keine großen Seelen mehr, nur Kleinkram, kaum der Mühe wert, das Boot zu rudern.
Der Teufel hört zu und nickt. Dann ruft er seine Furien herbei und schickt sie in die Oberwelt. Ihr Auftrag: den berühmten Doktor Faustus vom göttlichen Weg abbringen. Denn das wäre endlich mal wieder ein würdiger Fang für die Hölle.
So beginnt das Stück, das wir im Marionettentheater in Bamberg sehen. Die Bühne ist etwa zweihundert Jahre alt. Hier wird noch alles selbst gemacht – Bühnenbild und Marionetten, jede Figur mit Liebe zum Detail. Es ist eine der frühen Faust-Versionen, älter und dunkler als Goethes gelehrtes Drama. Hier gibt es keine Erlösung, keine Gnade. Hier holt der Teufel seinen Fang am Ende wirklich in die Hölle.
Die Furien machen sich an die Arbeit. Später kommen die Todsünden selbst auf die Bühne, eine nach der anderen, jede in ihrer grotesken Gestalt: Stolz, Geiz, Wollust, Völlerei, Trägheit, Zorn, Neid. Es ist kindlich inszeniert, manchmal geradezu lustig – und gerade deshalb so treffend. Die Versuchungen werden sichtbar gemacht als das, was sie sind: äußere Mächte, die bewusst auf uns einwirken, die uns vom Wesentlichen ablenken wollen.
Ich schaue zu und denke unwillkürlich an meine eigenen Schattenseiten. Den Ärger, wenn Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn jemand zu spät kommt, wenn Absprachen nicht eingehalten werden. Wie schnell dann die Geduld schwindet und ich innerlich auf Distanz gehe.
Faustus ist ein großer Gelehrter. Sein Ruf reicht weit, er wird bewundert, respektiert. Sein Wissen ist umfassend, seine Bibliothek gefüllt mit den kostbarsten Werken. Studenten strömen zu seinen Vorlesungen, Kollegen suchen seinen Rat. Und doch fühlt er sich innerlich leer.
Es ist nicht die Leere des Unwissenden, sondern die des Wissenden, der merkt: All das reicht nicht. Die Bewunderung füllt nichts aus. Der Ruhm macht ihn nicht satt. Da ist eine Sehnsucht nach mehr – nicht nach mehr Wissen, sondern nach etwas, das er nicht benennen kann. Nach Leben, vielleicht. Nach Erfüllung. Nach dem Gefühl, wirklich lebendig zu sein.
Der Teufel schickt Mephistopheles, seinen besten Diener, um Faustus einzufangen. Der kommt mit verlockenden Versprechungen: vierundzwanzig Jahre irdischer Freuden, Ruhm, Reichtum, Macht, Genuss – alles, was das Herz begehrt. Doch dann meldet sich auch Faustus‘ Schutzengel, warnt ihn eindringlich, versucht ihn abzubringen. Zwei Stimmen, zwei Wege.
Faustus schwankt. Doch die Verführung ist stärker. Die schönen Versprechungen übertönen die Warnung. Er unterschreibt den Pakt mit Blut.
Die Jahre vergehen. Faustus genießt, was ihm versprochen wurde. Aber die Leere bleibt. Schlimmer noch: Sie wächst. Und als die vierundzwanzig Jahre sich dem Ende nähern, begreift er mit Entsetzen, was er getan hat. Er versucht noch, Buße zu tun, fleht um Gnade, bereut verzweifelt. Aber der Pakt ist geschlossen. Es gibt kein Zurück mehr. In der letzten Nacht holt ihn der Teufel in die Hölle.
Ich sitze im Zuschauerraum und denke: Seine Tragödie war nicht der eine große Pakt. Seine Tragödie war, dass er zu spät merkte – die vielen kleinen Entscheidungen hatten ihn längst zum Gefangenen gemacht. Der Bluteid war nur die Besiegelung dessen, was innerlich schon vollzogen war.
Sind es nicht die kleinen Momente, die uns formen? Sich im Gespräch für das Gegenüber zu interessieren oder nur zu warten, bis man selbst reden kann. Jemandem beizustehen, der in Schwierigkeiten ist, oder sich abzuwenden. Ehrlich zu bleiben, wenn es unbequem wird, oder den bequemeren Weg zu wählen.
Das sind keine dramatischen Entscheidungen. Keine Furien, kein Schwefelgeruch. Nur alltägliche Momente. Und doch summieren sie sich. Sie formen, wer wir werden.
Auf der alten Bühne bewegen sich die Marionetten an ihren Fäden. Holzfiguren ohne Wahl. Wir aber haben den freien Willen.
Die Antwort gibt mir niemand. Auch kein Marionettentheater. Aber die Frage stellen – das kann ich. Jeden Tag neu.