Bach in the Subway
BegegnungenRolltreppen summen. Schritte hallen. Eine Durchsage schneidet durch die Luft.
„Zurückbleiben bitte.“
In London heißt es „Mind the gap“, immer und immer wieder, bis es sich ins Gedächtnis fräst. In New York: „Stand clear of the closing doors, please.“
Eine U-Bahn-Station ist kein Ort zum Verweilen.
Und dann steht dort jemand mit einem Instrument.
Kein Verstärker. Kein Poprefrain.
Sondern Bach.
Das Präludium aus der ersten Cellosuite – diese klaren, ruhigen Läufe, die sich wie eine Linie durch den Raum ziehen. Bachs Musik legt etwas frei. Eine Schicht, die sonst verborgen bleibt. Zwischen Fahrplänen, Werbeplakaten und eiligen Schritten entfaltet sich plötzlich etwas, das keinem Zweck dient.
Ein Mann mit Kaffeebecher wird langsamer.
Eine Frau bleibt stehen, nur für ein paar Takte.
Ein Kind dreht sich um.
Rund um den 21. März, Bachs Geburtstag, geschieht genau das weltweit. Zwischen dem 21. und 31. März stellen sich Musiker in U-Bahn-Stationen, auf Bahnsteigen und in Unterführungen und spielen seine Musik. Keine große Bühne, kein Eintritt. Nur die Idee, die Schönheit klassischer Musik dorthin zu tragen, wo man sie nicht erwartet.
Ich habe es selbst noch nicht erlebt. Nur Videos gesehen. Und doch beschäftigt es mich.
Vielleicht schreibe ich darüber, weil ich hoffe, irgendwann selbst einmal stehen zu bleiben.
Weil ich wissen möchte, wie es ist, wenn mitten im Transit etwas entsteht, das nicht eilig ist. Für einen Moment nur. Und dann geht es weiter, die Rolltreppe fährt, eilige Schritte und Gesprächsfetzen ziehen vorüber. Aber vielleicht trägt uns Bachs Berührung durch den Tag.
Mind the gap.
https://bachinthesubways.org/listen/