Auf den Wegen des Franz von Assisi
BegegnungenEs war ein Montagabend in Bamberg. Ich kam müde von der Arbeit und freute mich dennoch auf den Abend, weil ich mir bewusst etwas anderes vorgenommen hatte als den gewohnten Ablauf der Woche. Ein paar Stunden, in denen ich aus dem Arbeitsrhythmus heraustreten und mich von etwas anderem inspirieren lassen konnte.
Mit Franz von Assisi hatte ich mich bereits beschäftigt. Ich hatte Bücher gelesen und auch in meinem Buch „Unterm Himmelszelt – Natur & Genuss“ eine Begebenheit aufgegriffen. Viel Neues erwartete ich nicht, aber ich war neugierig, wie dieser Abend gestaltet sein würde.
Die Bücherei war gut besucht, ohne überfüllt zu wirken. Kleine Tische standen im Raum, darauf lagen verschiedene Snacks. Die Menschen saßen beieinander, sprachen leise, rückten ihre Stühle zurecht. Die Mitarbeiter begegneten jedem freundlich, und so entstand eine Atmosphäre, die ruhig und fast familiär wirkte.
Der Autor erzählte von seinem Weg, den er selbst gegangen war. Von Rom nach Assisi, vierzehn Tage zu Fuß. Auf der Leinwand erschienen Bilder aus Umbrien. Sanfte Hügel, weite Landschaften und sattes Grün prägten die Szenerie. Die Wege zogen sich durch Felder und Anhöhen, und man konnte spüren, dass dieser Weg nicht nur Strecke war, sondern auch Zeit.
Zwischen den Erzählungen trat ein Musiker nach vorne. Mit der Gitarre begleitete er den Sonnengesang. Strophe für Strophe trug er den Text vor und gab jeder ihren eigenen Klang. Es war kein Gesang, sondern ein ruhiger Vortrag, der von der Musik getragen wurde und dem Abend einen gleichmäßigen Rhythmus gab.
Acht Jahrhunderte liegen zwischen uns und diesem Mann, und doch war seine Haltung in diesem Moment greifbar.
Franz konnte am Ende seines Lebens kaum noch sehen. Er litt und wusste, dass es mit ihm bald zu Ende gehen würde. Und gerade in dieser Zeit wandte er sich dem Lobpreis der Schöpfung zu. Er besang die Quelle allen Lichts, die Sonne. Er pries den Mond, das Wasser, das Feuer und die Luft, ebenso die Früchte, Blumen und Kräuter.
Er brachte seinen Minderbrüdern dieses Lied bei, weil er wollte, dass es weitergetragen wird. Sie sollten als Spielleute Gottes über das Land ziehen, den Menschen den Gesang von der Schwester Sonne vorsingen, ihre Herzen berühren und sie fröhlich machen.
Als ihm ein Arzt sagte, dass er nur noch wenige Wochen zu leben habe, klagte er nicht. Er fügte eine weitere Strophe hinzu und begann, Bruder Tod zu loben, dem kein Mensch entrinnen kann. Und wieder bat er seine Minderbrüder, das Lied zu singen, jetzt mit der neuen Strophe.
In diesem Gedanken liegt eine große Kraft. Nicht das eigene Leid steht im Mittelpunkt, sondern das, was man noch geben kann. Das war sein Blick auf die Welt.
Ich stelle mir vor, diesen Weg selbst zu gehen. Für eine Zeit in die Fußstapfen von Franz von Assisi zu treten und mich von seinem Sonnengesang tragen zu lassen, von dem Vertrauen in die Schöpfung.
Dabei erinnere ich mich an eine längst vergangene Zeit. An Monate mit dem Rucksack unterwegs, an Afrika, an Nächte im Zelt, an das Gefühl, dass zwischen mir und dem Sternenhimmel nur ein dünnes Stück Stoff lag.
Daran, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein.
Aber das ist eine andere Geschichte.