Zwischen Burg und Bewegung
BegegnungenEs war mein Geburtstag, und eigentlich hätte ich diesen Tag gerne im Wald verbracht. Auf einem Weg, irgendwo zwischen Bäumen, mit dem Zwitschern der Vögel, dem Wind, der durch die noch kahlen Äste zieht, und dem leisen Knacken des Unterholzes unter den Füßen.
Der Wald ist für mich ein Ort der Ruhe, ein Ort, an dem ich bei mir ankomme.
Doch das Wetter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Regen, Wind, kein Tag für eine längere Tour. Also suchten wir nach einer Alternative und entschieden uns für Nürnberg. Die Kaiserburg stand schon länger auf unserer Liste.
Wir gingen durch die Stadt, vorbei an Fachwerkhäusern, durch kleine Gassen mit charmanten Cafés und Läden. Dieser Teil von Nürnberg hat uns besonders gut gefallen. Wir fühlten uns wohl.
Je höher wir kamen, desto mehr öffnete sich der Blick. Und dann standen wir oben. Die Burg, diese Mauern, dieser Ort, der schon so lange da ist.
Ich blieb einen Moment stehen und sah mir die Burg genauer an.
Sie ist das Wahrzeichen der Stadt. Früheste bauliche Spuren reichen bis in die Zeit um das Jahr 1000 zurück. Über Jahrhunderte wurde sie erweitert, verändert, immer wieder angepasst – und doch steht sie bis heute als etwas, das Bestand hat.
Stein auf Stein. Sichtbar gewachsene Geschichte.
Und dennoch war dieser Ort nie ein Ort des Ankommens, kein Zuhause.
Die Kaiser kamen, hielten Hof, sprachen Recht – und zogen weiter. Nürnberg war eine Station. Auch diese Burg war Teil eines Weges, kein Ziel.
Dieser Gedanke ließ mich nicht los.
Außen Beständigkeit – innen Bewegung.
Ich fragte mich, wie viel Beständigkeit man eigentlich braucht.
Ich war selbst einmal unterwegs, über Monate hinweg. Mit dem Rucksack, von Ort zu Ort, fast jede Nacht woanders.
In dieser Zeit bin ich mir selbst nähergekommen. Wenn man allein unterwegs ist, lernt man sich auf eine andere Weise kennen. Ohne Ablenkung, ohne festen Rahmen. Ich habe gemerkt, dass ich auf diesem Weg bei mir selbst ankomme.
Und doch wollte ich irgendwann auch wieder äußerlich ankommen. Einen Ort haben, der mich aufnimmt, an dem ich bleiben kann.
Vielleicht geht es nicht darum, sich zwischen beidem zu entscheiden.
Sondern darum, beides zu kennen.
Einen Ort, der trägt.
Und Momente, in denen man bei sich selbst ankommt.
Genau das fehlt mir manchmal im Alltag. Die Tage sind voll, oft bis zum Rand. Von Aufgabe zu Aufgabe, von Pflicht zu Pflicht. Aber ankommen? Das passiert kaum.
Im Wald gelingt mir das.
Da verändert sich alles. Licht, Wind, Geräusche, der Boden unter den Füßen. Kein Tag ist wie der andere. Und doch ist es genau hier, wo ich ankomme.
Kein fester Ort – und trotzdem Ruhe.
Manchmal denke ich, dass es so einfach sein könnte. Jeder hat seinen Wald. Vielleicht nehmen wir uns nur im Alltag zu selten die Zeit dafür.