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Das Fahrrad

Begegnungen

An der oberen Adria hatte selbst der Alltag eine gewisse Leichtigkeit. Morgens roch es nach warmem Sand, Sonnencreme und frischem Kaffee aus den Bars am Platz. Zwischen Pinien und Oleander klapperten Espressotassen, Kinder zogen mit aufgeblasenen Schwimmtieren Richtung Strand, irgendwo wurde schon eine Kühlbox in den Kofferraum gehoben. Auf den Wegen rollten Fahrräder mit Badetaschen am Lenker vorbei, leicht, bunt, sommerlich.

Nur meines nicht.

Ich war jung, brauchte das Geld und ließ mich deshalb auf einen Sommerjob ein, der vier Monate dauern sollte. Vier Monate Campingplatz, vier Monate Hitze, Meerluft, wechselnde Gäste und Wege, die täglich zurückgelegt werden mussten.

Die Firma hatte mir ein Fahrrad zur Verfügung gestellt, damit ich auf dem Campingplatz meine Runden drehen konnte. Es war zu klein für mich, hatte drei Gänge, die nur nach eigenem Ermessen funktionierten, und bei jedem Tritt in die Pedale quietschte es so laut, dass man mich schon hörte, bevor man mich sah.

Ich nutzte es trotzdem für alles. Für meine abendlichen Kontrollfahrten über den Platz, für kleine Besorgungen in den umliegenden Dörfern, für den Weg zum Strand. Es war alt, widerspenstig und nicht besonders komfortabel. Aber es brachte mich zuverlässig von A nach B.

Eines Tages trat ich kräftig in die Pedale – und trat ins Leere. Der Pedalarm flog einfach weg. Einen Moment hatte ich Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Das Fahrrad schwankte, ich fing es ab, kam gerade noch zum Stehen.

Ich schaute zurück. Ein Stück weiter hinten lag der Pedalarm auf der Straße.

Ich ging zurück, hob ihn auf, setzte ihn wieder an und drückte ihn fest. Und tatsächlich – es hielt. Also fuhr ich weiter.

Von da an fuhr ich vorsichtiger. Mit allem rechnend.

Meine Fahrten mit diesem Fahrrad waren ohnehin ein kleines Abenteuer. Es quietschte wirklich laut. Auf dem Campingplatz war ich bekannt – nicht weil man mich sah, sondern weil man mich hörte.

Später erzählte ich einem Kollegen von dem Vorfall.

Er lachte und sagte ganz selbstverständlich:

„Wirf es doch irgendwo in den Graben und sag, es wurde geklaut. Dann bekommst du ein neues.“

Ich weiß noch, dass ich kurz darüber nachdachte. Ein neues Fahrrad wäre bequemer gewesen. Größer. Leiser. Mit funktionierenden Gängen.

Aber ich brachte es nicht fertig.

Nicht die Lüge.

Und nicht, dieses mir inzwischen ans Herz gewachsene Quietschfahrrad einfach im Graben liegen zu lassen.

Also fuhr ich weiter damit. Mit repariertem Pedalarm. Mit quietschenden Tritten. Mit nur manchmal funktionierenden Gängen.

Es war nicht perfekt.

Aber es war meines geworden.

Tags: alltagsgeschichten, augenblicke, begegnungen, beobachtungen, bloggerde, gedanken, geschichten, Inspiration, kurzgeschichten, lebensmomente, literaturblog, Naturmomente, schreiben, unterwegs

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