Ein Teller Spaghetti
BegegnungenEs war ein Sommer an der oberen Adria, heiß bis in die Nacht hinein, mit Pinien, die kaum Schatten hergaben. Ich arbeitete auf einem Campingplatz als Gästebetreuerin, allein zuständig für zwölf Häuser und sechs Zelte. Tagsüber organisierte ich, erklärte, gab Schlüssel aus.
Eines Mittags stand ein Italiener vor meinem Fenster, den Autoschlüssel in der Hand, hinter ihm ein vollgepackter Wagen. Er fragte, ob noch ein Haus frei sei. Er sprach kein Englisch. Ich sprach kein Italienisch. Wir standen uns gegenüber, lächelten uns an und begannen, mit Händen, Füßen und einzelnen Worten zu verhandeln. Irgendwie verstanden wir uns. Am Ende hielt er den Bungalowschlüssel in der Hand, nickte zufrieden und rief seine Familie herbei, laut, über den halben Platz.
Jeden Abend drehte ich meine Runde, zwischen Wäscheleinen und Grillrauch hindurch, und fragte bei den Gästen, ob alles in Ordnung sei.
Ein paar Tage später stand ich vor ihrem Haus und sah sie auf der Terrasse. Sie saßen im letzten Licht, der Tisch gedeckt, ein großer Topf Spaghetti in der Mitte. Es roch nach Knoblauch und Olivenöl, nach Sommer.
Ich wollte nur fragen, ob alles in Ordnung sei. Noch bevor ich den Satz zu Ende brachte, winkten sie mich heran.
Sofort rückten sie einen Stuhl zurecht, und ehe ich begriff, saß ich am Tisch. Vor mir ein Teller Spaghetti. Ein Glas Wein.
Die Mutter häufte nach, ohne zu fragen. Die Kinder grinsten und hielten ihr Handy hoch, tippten in ein Übersetzungsprogramm. Sätze wanderten vom Italienischen ins Deutsche, ins Englische, wieder zurück. Manchmal ergaben sie Sinn. Manchmal nicht. Wir lachten trotzdem.
Ich weiß nicht mehr, worüber wir sprachen.
Wir verstanden nicht viel voneinander.
Aber genug.